Ein bewegtes Leben

Christian Gauger ist am 12. Oktober 2023 in Frankfurt/Main gestorben, er wurde 82 Jahre alt.

Wolfgang Heiermann, Verteidiger im damaligen Prozess-Team von Christian und Sonja

Christian zog Ende der 60er Jahre nach Frankfurt, wo es eine starke linksradikale Szene gab, beendete dort das Psychologie-Studium, war Mitbegründer der Roten Hilfe und als Sympathisant der militanten Linken an vielen Aktionen beteiligt. Er lernte Sonja Suder kennen, eine Beziehung – und das ist schon ungewöhnlich – die sie 55 Jahre mit beidseitiger Autonomie, gegenseitigem Respekt und in liebevoller Zuneigung gelebt haben.

Die 70er Jahre waren geprägt von massiver staatlicher Repression. Hausdurchsuchungen gegen linke Projekte, Fahndungen mit oft tödlichem Ausgang, Isolationshaft in den Knästen waren an der Tagesordnung. Dazu gehörte, dass wesentliche Gesetze – zum Schutz persönlicher Freiheit erlassen – missachtet und bewusst verletzt wurden. Ende der 70er Jahre erfuhren Christian und Sonja selbst, was es bedeutete von rechtswidrigen, unmenschlichen staatlichen Maßnahmen betroffen zu sein.

Am 23. Juni 1978 explodierte ihrem Freund Hermann Feiling eine selbstgefertigte Bombe auf seinem Schoß. Die Bombe zerriss Hermann beide Beine, seine Augen wurden zerstört, er wurde hilflos in seiner Wohnung unter unsäglichen Schmerzen von Polizeibeamten gefunden. Die Bombe war für das argentinische Generalkonsulat in München bestimmt. Die Polizei fand bei ihm das vorbereitete Bekennerschreiben unterzeichnet von den Revolutionären Zellen (RZ).

Argentinien richtete im Sommer 1978 die Fußballweltmeisterschaft aus, die teilnehmenden Nationen hatten kein Problem, dass die damalige Militärjunta tausende Oppositionelle ermordete, folterte und von Flugzeugen abwarfen, um die Spuren zu verwischen.
Mit dem Anschlag sollte hierzu eine größere Öffentlichkeit erreicht werden.

Den schwerst verletzten Hermann nahm die Polizei „unter ihre Fittiche“, schirmte ihn komplett im Krankenhaus nach außen ab und fertigte 1.300 Blatt angeblicher Aussagen von ihm an. Hermann war plötzlich erblindet, er war der Polizei hilflos ausgeliefert und stand unter starken Schmerzmitteln. Skrupellos machten sich die Ermittler diesen Zustand zu nutze, um so „Erkenntnisse“ über die RZ zu erlangen.
Schon 1979 nahm das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf diese Aufzeichnungen in einem Verfahren gegen Gerd Albartus und Enno Schwall zur Grundlage einer Verurteilung. Wenig später wurde Sibylle S., eine Freundin von Hermann Feiling, vom OLG Frankfurt wegen dieser „Erkenntnisse“ verurteilt. Der damalige Rechtsstaat im Ausnahmezustand hatte keine Probleme die erfolterten Angaben zu nutzen.

Selbst im Jahr 2013 wurden diese polizeilichen Schriftstücke vom Schwurgericht Frankfurt unter Leitung von Frau Stock im Urteil gegen Sonja verwertet. Immer wieder hatte Hermann darauf hingewiesen, dass er als erblindeter Mensch überhaupt nicht wusste und schon gar nicht kontrollieren konnte, was die Ermittler aufgeschrieben hatten.
Das Gericht ignorierte das, ging noch einen Schritt weiter und lud Sibylle S. als Zeugin vor, um sich von ihr die Richtigkeit der damaligen „Angaben“ bestätigen zu lassen. Sie weigerte sich, dieses Spiel mit zu machen. Das Gericht ordnete Beugehaft an. Sibylle S. war nicht zu beugen, sie saß vier Monaten in Haft und setzte damit ein deutliche Zeichen gegen das rechtswidrige Verhör. Dafür gebührt ihr höchster Respekt.
Dieser Skandal zeigt, dass gerichtliche Entscheidungen auch heute noch tief im Nationalsozialismus wurzeln. Der Bundesvorstand der RH e.V. hat in vielen Stellungnahmen die Verwertung und Methoden dieser extralegalen „Vernehmungen“ heftig kritisiert.

Sonja und Christian hatten nach dem Unfall von Hermann Feiling bemerkt, dass die Beschattungen von ihnen zunahmen, sie sahen darin Zeichen einer bevorstehenden Verhaftung und entschieden sich in die Illegalität zu gehen.

Im Herbst 1997 – Sonja und Christian lebten unter anderem Namen in Lille Frankreich – erlitt Christian einen Herzstillstand. Sonja massierte sofort sein Herz, beatmete ihn und wusste, ohne ärztliche Hilfe konnte Christian nicht am Leben bleiben. Eine Nachbarin rief die Ambulanz und nach endlosen Minuten wurde Christian in ein Krankenhaus gebracht. Er wurde gerettet, hatte aber Erinnerungsstörungen und einen massiven Gedächtnisverlust. In einem jahrelangen täglichen Training gelang es den beiden wesentliche Erinnerungen bei ihm zurück zu holen.

Im Januar 2000 besuchte Christians Schwester ihren Bruder in Paris. Sie hatte nicht bemerkt, dass ein Observationstrupp des LKA sie verfolgte. Sonja und Christian wurden von französischen Beamten festgenommen und die deutschen Auslieferungshaftbefehle gegen sie verkündet:
Anschläge der RZ 1977 gegen MAN und KSB, die Firmen unterstützten das Atomprogramm des damaligen Apartheidregimes von Südafrika. Ein Brandanschlag im Mai 1978 im Heidelberger Schloss, Anlass war die brutale Stadtsanierung in Heidelberg. Einziger Beweis für alle Beschuldigungen: die „Angaben“ des schwerst verletzten Hermann Feiling 1978.
Bei Sonja kam die Behauptung einer Beteiligung an den Morden während des Überfalls auf die OPEC Konferenz in Wien 1975 hinzu, die sich allein auf die Kronzeugenaussage von Hans Joachim Klein stützte.

Christian kam in das Gefängnis Santè und Sonja in den Knast Fleurie in der Nähe von Paris. Das Pariser Komitee gegen „Auslieferung und Abschiebung“ hatte sich sofort um anwaltliche Hilfe für die beiden gekümmert und ihnen auch eine Wohnung in Paris besorgt. Rechtsanwältin Irene Terrel aus Paris übernahm ihre Vertretung. Es dauerte nur einige Wochen, dann waren beide gegen eine geringe Kaution frei, die Auslieferung wurde vom Gericht abgelehnt, weil nach französischem Recht alle Delikte verjährt waren. Nach über zwanzig Jahren Illegalität war ihre Erleichterung kaum zu beschreiben. Sie arbeiteten in dem Komitee gegen Auslieferung aktiv mit, gewannen neue Freundschaften, die bis heute anhalten und konnten das Leben in Paris genießen.

Der Verfolgungswahn der Staatsanwaltschaft Frankfurt war aber noch nicht erloschen. Kaum war der neue Europäische Haftbefehl in Deutschland umgesetzt, wurde 2007 die erneute Auslieferung der beiden beantragt. Jetzt richtete sich die Verjährung von Auslieferungs-Straftaten nicht mehr nach dem „Gastland“, sondern nach dem Land, das die Auslieferung verlangte. Die letzte behauptete Straftat lag zwar 30 Jahre zurück, aber durch verbissene, die Verjährung unterbrechende Handlungen der Staatsanwaltschaft, konnten alle Taten in Deutschland noch verfolgt werden.

Nachdem letztlich auch der Staatsrat in Frankreich die Auslieferung gebilligt hatte, wurden Sonja und Christian 14 Tage nach seinem 70sten Geburtstag, im September 2011 nach Deutschland ausgeliefert. Christian kam nach Kassel ins Haftkrankenhaus, Sonja nach Frankfurt Preungesheim in den Knast. Christian konnte nach wenigen Wochen wegen Haftunfähigkeit den Knast wieder verlassen, Sonja blieb bis zum Urteil im Knast. Der Prozess gegen beide begann am 21.9.2012 vor dem Landgericht in Frankfurt. Er wurde begleitet von einer großen – auch internationalen – Solidarität für die beiden. Auf der Seite www.verdammtlangquer.org ist der Prozessverlauf ausführlich dokumentiert.

Christian ging es im Lauf des Prozesses immer schlechter. Er musste an einer Herzklappe operiert werden und war absolut verhandlungsunfähig, sein Verfahren wurde aus diesem Grund im Mai 2013 eingestellt. Sonja – nun 80 Jahre alt – wurde am 12. November 2013 wegen der drei RZ Anschläge wegen der „zweifelsfrei verwertbaren Angaben“ von Hermann Feiling zu 3 ½ Jahren Haft verurteilt. Von einer Mordbeteiligung während des OPEC Überfall 1975 wurde sie freigesprochenen und der Haftbefehl aufgehoben. Eine Demo von 100 Menschen und ihr Gefährte Christian holten sie am Gericht ab und feierten die Freilassung ausgiebig im Klapperfeld.

Sonja und Christian konnten noch zehn Jahre gemeinsam verbringen mit Reisen nach Frankreich und Spanien zu alten Freundinnen. Sie haben diese Zeit genossen, unterstützt besonders von den Frankfurter Freundinnen, die sie von Anfang an mit großer Solidarität begleitet haben.
Beide haben immer jede Zusammenarbeit, jeden Deal mit dem Staat abgelehnt, trotz der schweren Erkrankung von Christian, trotz der lebenslänglichen Strafe, die Sonja drohte, kam ein Deal mit dem Gericht nicht in Frage. Für beide war das eine Lebenshaltung, die unumstößlich war – mit Heroismus hat das nichts zu tun.

Am 12. Oktober 2023 ist Christian im Krankenhaus gestorben. Er konnte nicht nochmals am Herz operiert werden, sein Körper war zu schwach geworden. Sonja besuchte ihn täglich, begleitet von Freundinnen und Freunden. Er ist ruhig eingeschlafen.
Wir haben einen Gefährten und Freund verloren. Seine ruhige, freundliche Zuwendung vermissen wir, sein Witz und schmunzelndes Kopfschütteln bleibt uns immer vor Augen.

Oreste Scalzone lebt seit Jahren im Exil in Paris, ein unermüdlicher politischer Aktivist, der auch im Komitee gegen Auslieferung und Abschiebung gearbeitet hat, Mitbegründer der italienischen Organisation Potere Operaio, schrieb an Sonja:

„Unser lieber Genosse, Christian Gauger, der unzertrennliche Kamerad von Sonja Suder seit den Anfängen der RZ, der Revolutionären Zellen und Rote Zora, unser Christian ist tot. Unser Kopf, unser Herz, taucht in einen unbeschreiblichen Zustand, Christian, sein Mut, seine Transparenz, seine Lebens- und Kampfintelligenz, die Geschichte des langen Abenteuers der Revolutionäre mit Sonja und, im Laufe der Zeit, mit so vielen Männern und Frauen, die Gefährten und solidarisch waren.
Nach dem jahrelangen Kampf in Paris gegen ihre Auslieferung, nach der Reise nach Frankfurt während Sonjas Inhaftierung und dem Prozess und der Begegnung mit dem solidarischen Widerstand so vieler Genossinnen und Genossen, erschüttert uns unsere erzwungene Abwesenheit bei der Abschiedszeremonie.
Wir schicken einen schmerzhaften Abschiedsgruß an Christian, eine nie endende Umarmung an Sonja und an alle anderen, die nun mit ihrer Trauerarbeit beginnen.“

RHZ 1/24