Interview mit Gabriel Pombo da Silva: „Das Einsperren ist zu einem lukrativen Geschäft geworden“

Interview geführt von Ser Histórico im Vorfeld der Veranstaltung „Ingenieurkunst der Repression“ – Ein Raum, um zu analysieren, wie das sogenannte „Recht des Feindes“ gegen den Anarchismus konstruiert und angewendet wird, in Anwesenheit des Gefährten Gabriel. (A.d.Ü., auf Spanisch)

Mehr Infos zum Fall des Gefährten unter Nein zur Auslieferung des Gefährten Gabriel Pombo da Silva an Italien!

Wie ist es möglich, dass es im 21. Jahrhundert immer noch Gefängnisse gibt, welche Interessen stehen dahinter?

Die Strafmentalität unserer westlichen Gesellschaften erfordert Einsperrung und Zusammenpferchung, um aus dem Elend Profit zu schlagen. So gibt es heute Erziehungsanstalten für Minderjährige, „Zentren“ für ausländische Minderjährige, verschiedene Haftanstalten… Und Tagesstätten und Altenpflegeeinrichtungen, Einrichtungen für psychische Gesundheit und Sonderpädagogik. Die Antwort ist, dass die Einsperrung zu einem lukrativen Geschäft geworden ist und natürlich jeder, der seine Stimme erhebt und sich der Tyrannei widersetzt, im Gefängnis landet oder stirbt.

Warum engagieren sich die Linke und Teile des Anarchismus nicht stärker für die Anprangerung der Haftbedingungen und warum gibt es keine entschlosseneren Kampagnen zur Abschaffung der Gefängnisse?

Die Linke und der Anarchismus können die Anti-Gefängnis-Frage (die Abschaffung der Käfige) nicht auf die gleiche Weise sehen, da die Linke, so „radikal“ oder „progressiv“ sie auch sein mag, das Gefängnis als soziale Prophylaxe in ihrer etatistischen DNA trägt. Genauso wenig werden sie die Polizeistationen abschaffen und Milizen aufstellen.

Der Anarchismus sollte antipunitivistisch sein. Fürsorge ist ein sehr weites Spektrum, in dem alle Arten von Schäden und Wiedergutmachungen behandelt werden. Die heutige Sozialdemokratie ist dem Leid der Armen oder Ausgebeuteten gegenüber gleichgültig. Sie halten sich für die Mittelklasse. Dennoch bewegt sich das Thema Antipunitivismus stark, sogar aus akademischer Sicht: Foro de los Comunes, Iñaki Beiras usw.

Was hältst du von der Arbeit in Gefängnissen und den dortigen Bedingungen?

Ich kann nicht viel dazu sagen, weil ich fast mein ganzes Leben in Isolationshaft verbracht habe und nie in diesen wenigen Werkstätten war, die es dort gibt und in denen die Arbeiter extrem ausgebeutet werden. Man zahlt ihnen im Grunde genommen einen Hungerlohn, und … im Grunde ist es eine entmenschlichende Arbeit ohne jegliche ökonomische Entschädigung, und man müsste sich das mit der Arbeit dort drinnen mal ganz genau ansehen.

Aber gut, da ich nicht dafür bin, Konzentrationslager oder solche Orte, die sich jeglicher Gesetze entziehen, zu legalisieren, habe ich dazu nicht viel zu sagen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht an Arbeit als Sühne für die Strafe oder sonst irgendwas. Ich meine, das ist so eine sehr kato-faschistische Sache, die auch von hier kommt. Deshalb ist die Sprache im spanischen Gefängnis so christlich. Die Sühne für die Strafe … die Begnadigung, die Strafanstalt, wo man Buße tun muss, na ja, dieser ganze Martyrologium.

Und ja, es gibt auch viele solche „Progressiven“, die ich im Gefängnis arbeiten gesehen habe, weil sie glauben, sie könnten das Gefängnis von innen heraus verändern, aber abgesehen von der individuellen Erleichterung, die eine Person empfinden mag, wenn sie im Gefängnis einen normalen Menschen kennenlernt, abgesehen von solchen Anekdoten, sehe ich darin keine weitere Bedeutung.

Abgesehen von der immer wieder zitierten COPEL sind die anderen Gruppen, die sich bisher mit dem Thema Gefängnisse beschäftigt haben, nicht so bekannt. Vielleicht sagt den Leuten die Kampagne gegen die FIES mehr, aber welche Gruppen oder Kampagnen würdest du nach der COPEL hervorheben?

Ich sehe hier das mit der immer wieder zitierten COPEL. Die COPEL hat ihre Propaganda gemacht und stammt aus einem ganz bestimmten Kontext, nämlich den 70er- und 80er-Jahren. Für mich, zumindest in meinem Leben, hat die COPEL durchaus eine Rolle gespielt, aber nur, weil das Gefängnis die Müllhalde war, auf der alle landeten, die sich gegen den vom Regime aufrechterhaltenen Zustand der Dinge auflehnten. Also ja, sie war damals eine echte Gewichtskraft, und zwar, weil alle, die wir kämpften – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, vielleicht klingt es ein bisschen frivol, aber ja – diejenigen, die zu den Waffen griffen, sei es, um eine Bank zu überfallen, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren, oder wie wir, die wir Banken enteigneten, um die Existenz unserer Leute zu sichern.

Die COPEL war eine ziemlich wichtige Organisation. Und sie hatte eine lange Lebensdauer. Und dann, was die einzelnen Militanten angeht: Nun, einige wurden zu beschissenen Kriminellen, andere traten schließlich der GRAPO bei, andere blieben unabhängig und hatten, sagen wir mal, ziemlich libertäre Ideen. Das umfasst sozusagen ein Jahrzehnt vom Ende der 70er bis knapp ein Jahrzehnt, Mitte der 70er, ganz Anfang der 80er, 81, 82, das war dann schon der letzte Schlag. Und ja, nun, ich war auch Teil davon, ohne Militant bei irgendwas zu sein, denn ich mochte es nie, irgendeiner Organisation anzugehören, aber ich habe mit ihnen zusammengearbeitet und auch den obersten Verantwortlichen der COPEL kennengelernt, den aus Vigo, das war Tito de Matamá, der in einem portugiesischen Gefängnis erhängt ums Leben kam.

Wenn die Zeit reif ist um das Buch zu schreiben, muss ich auch über diese historische Figur sprechen, zumindest was die COPEL und das System anti-. … also die Anti-Gefängnis-Ideen betrifft, und dass dieser Tito de Matamá in den 80ern auch eine Hauptrolle spielte … bei einer bewaffneten Geiselnahme im Gefängnis von Vigo, mit einer abgesägten Schrotflinte und einer 9-mm. Und ich habe damals von draußen auch dazu beigetragen, dass die Gefährten die Waffen im Gefängnis bekamen. Die COPEL war also für mich sehr wichtig. Es war sehr wichtig zu entdecken, dass die Rebellion nicht hinter Gefängnismauern endete.

Was dann in den FIES kam, kam bereits in den 90er Jahren, und das hat mich leider auch erwischt, aber schon in den FIES hatte es einen qualitativen Sprung bei den repressiven Mitteln gegeben. Dort hatten sich die Strukturen der Gefängnisse verändert, sagen wir mal von alten zu modernen Gefängnissen, nach einem deutschen Modell, wo die Gemeinschaft durch die Architektur des Gefängnisses selbst zunichte gemacht wurde. Es wird schwieriger, kollektive Meutereien zu organisieren, deshalb tauchen dort immer dieselben Namen auf. Es scheint, als wären wir immer, ich weiß nicht, 20 oder 30 Leute, die da in dem Ding waren, aber das stimmt nicht, denn im Grunde änderten sich mit der Professionalisierung der Gefängnisarchitektur auch die Taktiken, um das Gefängnis selbst zu bekämpfen. Die FIES-Kampagne, an der ich auch teilgenommen habe, wurde von der libertären Bewegung aufgegriffen. Die von FIES am Ende – ich erinnere mich sogar daran, als sie in Italien einige Sabotageakte gegen Iberia, gegen das Instituto Cervantes, gegen den Dom und noch ein paar andere verübten. Dabei bezogen sie sich auf die FIES-Häftlinge und erwähnten dann auch Xose Tarrío, weil sie das Buch gelesen hatten und die Realität des spanischen Staates im Gefängnisbereich kannten.

Letztendlich lässt sich sagen, dass meiner Ansicht nach die COPEL, die FIES, der aufständische Anarchismus, die Sabotageakte und viele dieser Dinge einen roten Faden haben, dem man problemlos folgen kann, ohne dass es dabei Widersprüche gibt. Im Gegenteil, hier rüstet sich die Vernunft, um sich gegen die Aggression zu verteidigen – gegen eine Aggression, die vielfältig ist und die das System als Ganzes ausmacht. Nicht nur das Gefängnis, die Isolation, sondern auch das System, die Zivilisation und alles, was dazu gehört.

Wie ist deine Situation gerade?

Nun, meine rechtliche Situation besteht derzeit darin, abzuwarten, wie sich das in Spanien rechtlich konkretisiert, und anhand der hiesigen Gesetze zu prüfen, was da steht. Aber gut, das ist meine Sichtweise. Darum kümmert sich im Moment der Anwalt. Und das war’s. Er wird mich auf dem Laufenden halten, und wir werden, wie immer, die Entwicklungen aktualisieren, sobald etwas Neues herauskommt. Was auch immer es sein mag, wichtig ist, dass wir es vorerst nicht geschafft haben, es vom Tisch zu bekommen [die Auslieferung nach Italien, Anm. d. Red.]. Und jetzt verhindern wir auch, dass Spanien mich ins Gefängnis stecken will, und das war’s.