REPRESSION

»Wir kommen zusammen, weil wir Überlebende sind«
Die »Karawane für die Rechte von Geflüchteten« kämpft seit 25 Jahren gegen Rassismus. Ein Gespräch mit Araz Ardehali
Interview: Henning von Stoltzenberg junge Welt 24.8.2
Araz Ardehali ist Mitglied der »Karawane für die Rechte der Geflüchteten und MigrantInnen«

Sie feiern Anfang September Ihr 25jähriges Bestehen. Was gibt es zu feiern?

Wir feiern, dass wir noch da sind. Wir feiern unsere Familie, die in diesen Jahren gewachsen ist. Hätten wir uns nicht solidarisiert, hätten wir nie zusammengefunden. Als Menschen aus Abya Yala (vorkoloniale Bezeichnung für den amerikanischen Kontinent, jW), Afrika und Asien wurden wir in der BRD angegriffen, unserer Grundrechte beraubt. Wir haben die Erniedrigungen und Angriffe auf unsere Rechte nicht akzeptieren können und haben uns organisiert. Nicht alle konnten wir schützen. Einige wurden abgeschoben. Einige sind durch die Hände der Polizei ermordet worden. Einige verloren ihr Leben bei Abschiebungen. Tausende sterben im Mittelmeer, Tausende an den Grenzen Europas. Millionen von unseren Verwandten sterben durch die Interventionen der Terrororganisation NATO oder durch den Würgegriff der EU, des IWF und der Weltbank. Wir kommen zusammen, weil wir Überlebende sind, und freuen uns auf das Wiedersehen. Wir sind stolz, dass wir unsere Würde verteidigen konnten und nicht geschwiegen haben zu den Verbrechen, die hier konkret stattgefunden haben. Wir feiern den Mut von Freundinnen und Freunden, die ihre Grundrechte auf Bewegungsfreiheit verteidigt haben.

Warum wurde die »Karawane« damals gegründet? Was war ihr Anspruch?

Die Karawane begann 1998 mit dem Spruch »Wir haben keine Wahl, aber eine Stimme!« Die Menschen hatten es satt, dass Politik auf ihrem Rücken betrieben wird, dass nicht nur die Parteien ihre rassistische Politik auf ihrem Rücken austragen, sondern dass auch wohlgemeinte Ratschläge stets einen kolonialen Hauch des Paternalismus in sich tragen. Der Anspruch der Karawane war es, die Anliegen zum Wohle und zum Besten der Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten selbst zu formulieren und nach vorne zu bringen. Es war das erste Mal, dass Menschen aus Abya Yala, Afrika und Asien länderübergreifend sich international in Deutschland organisierten.

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Wie haben sich die Arbeit und die politische Landschaft seit damals verändert?

Otto Schily (Bundesinnenminister 1998–2005, jW) wurde damals dafür kritisiert, als er Flüchtlingslager auf afrikanischem Boden aufbauen wollte, heute ist es Realität, nicht nur im Norden Afrikas, sondern auch in Westasien. Das Grundrecht auf Asyl ist 1993 abgeschafft worden, in den letzten 25 Jahren kamen die Dublin- Verordnungen, und nun soll die Flüchtlingsabwehr direkt an den europäischen Grenzen erfolgen. Seit 1999 ist die Bundesrepublik im Ausland militärisch aktiv. Die Beteiligungen an den völkerrechtswidrigen Angriffen auf Jugoslawien, Afghanistan und Irak sind nur einige Beispiele. Die Bundeswehr ist vor Ort in vielen Ländern Westasiens, am Horn von Afrika und in der Sahelzone. Die Flüchtlingsbewegung selbst ist seit der »Willkommenskultur« zu einer institutionalisierten Einzelfallberatung reduziert. Die Teilung der Flüchtlinge in unterschiedliche Klassen und ihre Schikanierung hat die Bewegung deutlich geschwächt.

Was war ihr bisher größter Erfolg, was die schwerste Niederlage?

Unsere größten Erfolge waren die Schließungen zahlreicher Isolationslager. Die vielfache Verhinderung der Abschiebungen von Gruppen, sei es aus Ländern wie Nigeria, Iran oder Togo, oder auch die vielen hart erkämpften Kampagnen für Familien oder Einzelpersonen. Die Bekanntmachung und Aufklärung der Morde an Mareame Sarr, Dominique Koumadio, Oury Jalloh, Mohammad Sillah. Der größte Erfolg ist jedoch die erfahrene Solidarität. Eine der größten Niederlagen war die Abschiebung des Sprechers der togolesischen Flüchtlinge, Alassane Moussbaou, 2006 aus dem Krankenhaus heraus.

In welchen Auseinandersetzungen ist die »Karawane« derzeit aktiv?

Die Aktivitäten beschränken sich zur Zeit auf die Unterstützung der Familien von Opfern rassistischer Polizeibrutalität. Ferner unterstützen wir Menschen, die sich gegen die Isolation in Heimen, zum Beispiel in Herne oder in Bitterfeld, zur Wehr setzen. Ansonsten sind wir mit der Dokumentation der Erfahrungen beschäftigt und wollen diese zukünftigen Aktivistinnen und Aktivisten zur Verfügung stellen, damit sie zumindest unsere Fehler nicht wiederholen.