[Rigaer94] Botschaft an die Nachbarschaft und alle Anderen

[Rigaer94] Botschaft an die Nachbarschaft und alle Anderen

Als vor fast drei Wochen Bullen und Bauarbeiter gewaltsam in unsere Räume eindrangen, war nicht absehbar, wie lange es uns noch geben würde. Heute wissen wir: wir sind ungebrochen und wir sind mittlerweile politisches Topthema. Angesichts der Masse an Informationen und der Menge an politischen Akteuren in diesem Konflikt ist es wichtig, auf das wesentliche fokussiert zu bleiben.

 

Wer sind wir?
Wir sind ein politisches Hausprojekt, bestehend aus sehr unterschiedlichen Menschen und einem Haus mit den besten Nachbar_innen, die man sich vorstellen kann. Uns eint in erster Linie der Wille zum Kampf gegen die gewaltsamen Verhältnisse, die dieser Staat andauernd (und gegen uns insbesondere in den letzten Wochen) versucht durchzusetzen.
Unsere Leidenschaft für die Freiheit zwingt uns in tägliche Konflikte mit unserer Umgebung. Mit Institutionen genauso wie mit Staatsdiener_innen, Nazis, Sexist_innen und anderen Arschlöchern.
Dabei stoßen wir auch auf Widersprüche in uns, was uns aber niemals davon abhalten darf, an einer revolutionären Praxis zu arbeiten und in autonomen Kämpfen Momente und Räume zu schaffen, in denen wir in Beziehung zu anderen Menschen treten können.

Keine Bilanz
Da eine abschließende Beurteilung unserer Konzepte erst sinnvoll wäre, wenn wir unser Ziel von Freiheit, Selbstbestimmung und Reichtum erreicht haben, können wir immer nur Zwischenbilanzen ziehen. Die jüngsten Vorkommnisse sind aber eine vorläufige Bestätigung dieses autonomen Kampfes.
Was vom Staat als Gefahrengebiet gesehen wird, ist der Versuch einer selbstbestimmten und wehrhaften Zone, in der die Bevölkerung ohne institutionalisierte Gewalt und ohne Repräsentation durch Politiker, Manager oder sonstige Institutionen auskommt.
Die Art und Weise, wie sich in letzter Zeit viele Menschen hier in der Umgebung organisiert haben, stellt einen konkreten Gegenentwurf zu hierarchischen Strukturen dar. Die Stärke, die uns (den rebellischen Teil des Nordkiezes) nun drei Wochen Belagerung trotzen lassen hat, kam zu einem großen Teil aus echten (nicht abstrakten) Beziehungen. Wir haben uns auf der Straße getroffen und immer mehr haben dann erkannt, dass es Dinge gibt, die eine Komplizenschaft erforderlich machen. Wie der Widerstand gegen Gentrifizierung oder gegen diesen Polizeistaat, in dem uns alle Freiheiten geraubt werden sollten.
 Wir müssen uns eingestehen, dass die Polizei nicht ohne Grund den niederträchtigen Plan entwickelt hat, Geflüchtete in die geräumte Kadterschmiede einziehen zu lassen. Kämpfe gegen Gentrifizierung und Polizei haben im Kiez eine greifbare Substanz. Kämpfe gegen Rassismus kaum. Hierin besteht die Schattenseite autonomer Politik: sie orientiert sich an der Gesellschaft, macht Zugeständnisse an die Mehrheit und verrät sich in Teilbereichskämpfen.
Natürlich kämpfen wir auch dafür, dass die Nachbarschaft entschlossen gegen Rassismus vorgeht. Letztendlich aber erhoben hauptsächlich nicht ortsansässige Zusammenhänge für uns das Wort, um der gegnerischen Argumentation entgegenzutreten, wir wollten keine Geflüchteten in unserem Umfeld. Gäbe es eine antirassistische, weniger mitteleuropäische Nachbarschaft (uns mit eingeschlossen), hätten wir auf diese Argumentation kein Stück eingehen müssen.
Dennoch: wir haben uns entschieden, dem Staat die Machtbasis zu entziehen, indem wir die Gemeinsamkeiten betonen, individuelle Kämpfe kollektivieren, und versuchen, nebeneinander auf den Barrikaden zu stehen.
Die Erfolge liegen auf der Hand: massenhafte Politisierung und Reflektion von neuen Generationen von Chaot_innen, Wissensweitergabe im Kiez, Öffnung von Strukturen und Kollektivierung von Ressourcen, bessere Ansprechbarkeit politischer Akteur_innen, Abbauen von Ohnmachtsgefühlen und Angst vor Repression, Selbstermächtigung, internationale Ressonanz etc. pp.

Warum ein schwarzer Juli?
 Im Bewusstsein über unlösbare Widersprüche in unserer kleinen Keimzelle des sozialrevolutionären Kampfes haben wir zum schwarzen Juli aufgerufen. Die dezentralen Konzepte und Aufrufe, Berlin ins Chaos zu stürzen, sind eine Alternative zum Kampf nach den Regeln der hießigen Kultur. Die informelle Organisierung freier Zusammenschlüsse, die ihre eigenen Spielregeln erfinden, waren immer eine Stärke. Vor allem in Zeiten, in denen der Staat auf Zerstörung seiner Gegner_innen aus ist. Wenn wir den Psychoterror der Belagerung durch die Polizei und die Kriegsrhetorik ihrer Führer_innen nüchtern betrachten, kommen wir zu dem Schluss, dass sie uns brechen wollen.
 Sozialrevolutionär_innen müssen sich immer die Frage stellen, ob sie noch Widerstand leisten oder schon längst Teil ihrer eigenen Auslöschung sind.

Revolutionäre Politik ist nicht verhandelbar
  Selbstverständlich steht für uns außer Frage, dass selbst bei einer (unwahrscheinlichen) politischen Lösung unseres Hauskampfes nichts vorbei ist. Wir haben uns nicht in diesen Kampf geworfen, unsere Gesundheit und Freiheit riskiert, um letztendlich höhere Ziele aufzugeben, wenn wir die Kadterschmiede zurückkriegen. Wir werden immer Teil des radikalen Widerstandes gegen Verdrängung und Vertreibung sein.
Wir sind der Kiez und der Kiez sind wir – es wird keine individuelle Lösung der Gentrifizierungs-Problematik geben, sondern einen gemeinsamen Kampf.

Point of no return
 Wir hassen die Bullen über alle Maßen und begrüßen die Ausschreitungen bei der Demonstration am Samstag. Wir wollen den Staat nicht nur aus dem Kiez jagen, sondern aus unserem Leben verbannen. Die letzten Wochen haben uns in dieser Haltung klar bestärkt.
Was hier abläuft: die (illegale) Räumung der Kadterschmiede, der Belagerungszustand, die Übergriffe, die Veröffentlichung unserer Personalien über Naziseiten, der Einsatz eines Spitzels für False-Flag-Aktionen gegen Billig-Autos, die Verhinderung einer Gerichtsverhandlung über die Illegalität der Räumung;
All das spricht dafür, dass wir klar sagen: mit Schweinen redet man nicht…

Wie weiter?
Heute hat ein Gericht entschieden, dass die ganze Räumungsaktion illegal war. Dies spielt uns in dieser rechts- und obrigkeitshörigen Gesellschaft erstmal in die Hände. Ein Großteil der Argumentation unserer Gegner bricht zusammen. Es bleibt jedoch die politische Kampfansage an unsere Strukturen und unseren Kampf.
Es gibt keinen Grund, sich zurück zu lehnen. Wir werden weiter daran arbeiten, dass diese ganze Angelegenheit ein noch größeres Desaster für die Politik und die Bullen wird, als es sowieso schon ist. Ihr Desaster misst sich daran, wie groß die positiven Aspekte für uns sind. Nicht jedoch daran, ob wir im am besten gesicherten Bereich Berlins die Polizeiarmee besiegen. Der Kampf geht weiter!

Soyons ingouvernables!
Seien wir unregierbar!

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