Wie ehrt man eine Revolutionärin?
Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Marie Meinhof erhängt in ihrer Gefängniszelle aufgefunden. Für Linke aller Couleur war der Tod der kommunistischen Journalistin, die sich für den militanten Kampf entschieden hatte, ein schwerer Schlag. Eine Erinnerung
Markus Mohr nd 8.5.26
Am frühen Morgen des 9. Mai 1976 wird Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Schon um 9.20 Uhr verbreitet eine Nachrichtenagentur die Aussage des Justizministers von Baden-Württemberg Traugott Bender, dass Meinhof »Selbstmord durch Erhängen« verübt habe.
Weder die vor dem Oberlandesgericht Stammheim Mitangeklagten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe, noch ein Rechtsanwalt der Verstorbenen bekommen die Leiche Meinhofs zu sehen. Noch vor Abschluss der Obduktion bringen die Ermittlungsbehörden gegenüber der Presse sogenanntes Hintergrundmaterial in Umlauf. Die Deutsche Presse-Agentur meldet um 16.45 Uhr, nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft hätten zwischen Meinhof und den übrigen Angeklagten »bereits Wochen vor dem Selbstmord ›gewisse Spannungen‹« bestanden.
Hiergegen nahmen Rechtsanwälte der Stammheimer Angeklagten auf einer Pressekonferenz umgehend Stellung. Unter explizitem Hinweis auf das Schicksal des Gefangenen Holger Meins, der im Hungerstreik im November 1974 ums Leben gekommen war, vermerkte Rechtsanwalt Otto Schily: Man wisse, »daß die Staatsschutzbehörden sehr häufig mit dem Muster der Selbstverschuldung und des Selbstmordes operieren«. Deshalb seien hier »äußerste Wachsamkeit und das äußerste Misstrauen gegenüber solchen Erklärungen« angebracht.
Von der Apo in die Stadtguerilla
Ulrike Meinhof war eine Galionsfigur der außerparlamentarischen Linken in der Bundesrepublik. Sie hatte sich Ende der 50er Jahre zunächst in der Anti-Atomtod-Bewegung engagiert, war Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), zugleich in der illegalen KPD. Durch ihr publizistisches Engagement etwa in den Zeitschriften »Konkret« und »Rote Presse Korrespondenz« wurde Meinhof weit über die Reihen der Linken hinaus bekannt. Im Mai 1970 entschied sie sich schließlich, die Rote Armee Fraktion (RAF) mitzubegründen. Damit war sie quer von den Organisationen der »alten Linken« in eine von der Politik der Neuen Linken bestimmte Form der politischen Organisierung marschiert: die Stadtguerilla.
Meinhofs gewaltsamer Tod lässt wohl keinen außerinstitutionellen Linke*n in der Bundesrepublik kalt. Er treibt noch einmal alle linken Fraktionen zusammen auf die Straße; eine Vielzahl linksradikaler Gruppen quer durch die politischen Spektren nimmt Stellung zum Tod der Revolutionärin.
In West-Berlin und Frankfurt am Main beteiligen sich Tausende an Protestdemonstrationen gegen die staatliche Erzählung vom Suizid. In Frankfurt kommt es dabei zu direkten Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Die Polizei dort sei »in heftige Straßenschlachten mit über 600 Baader-Meinhof-Sympathisanten verwickelt« worden, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press am selben Tag im gängigen Jargon. Vergeblich sei versucht worden, den Demonstrationszug auf dem Marsch in die Innenstadt aufzulösen. »Einige Demonstranten warfen Molotow-Cocktails und errichteten Straßensperren. Die Polizei nahm über 30 Demonstranten fest, es entstand erheblicher Sachschaden. Durch zwei selbst gebastelte Brandbomben erlitten zwei Polizeibeamte lebensgefährliche Verletzungen. Auch unter den Demonstranten gab es viele Verletzte, erst nach massivem Einsatz von Wasserwerfern gelang es, die Demonstranten zu verdrängen.«
Ein paar Tage später wird Ulrike Meinhof auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Mariendorf in West-Berlin beigesetzt. An der Beerdigung nehmen nach unterschiedlichen Angaben zwischen 6000 und 8000 Menschen teil.
Seitens der Roten Hilfe Westberlin gab es zunächst keine gesonderte Erklärung zum Tod von Meinhof. Sie arbeitete aber im Vorbereitungskomitee der geplanten Beerdigung in Berlin-Tempelhof mit, in dem auch die Rechtsanwälte und die Angehörigen politischer Gefangener vertreten waren. Hier wurde die Entscheidung getroffen, auch der illegalisierten KPD/ML und der KPD [AO] zu gestatten, die Tote am Grab mit eigenen Wortbeiträgen zu würdigen.
Die Totenrede, im Auftrag des Rote Hilfe e. V. gehalten von Dieter Kunzelmann, wurde im Anschluss von allen aus dem Vorbereitungskreis als »solidarisch« eingeschätzt. Auch eine Delegation der Roten Hilfe Deutschland nahm teil, zusammen mit Vertreter*innen ihrer Partei, der KPD/ML. Bewehrt mit einer Vielzahl von Parteifahnen, in deren Emblem sich der Karabiner mit der Sichel verschränkt, marschierte eine Parteidelegation zur Grabstelle. Sie legten einen Kranz nieder und riefen aus, Meinhofs Kampf sei »vom Haß gegen den Kapitalismus und die Bourgeoisie« erfüllt gewesen. Dieser Kampf mit dem Ziel einer Gesellschaft ohne Ausbeutung würde letztlich gewonnen werden.
»Es darf keine gefangenen Revolutionäre mehr geben, die vom deutschen Staatsschutz in der Isolation der Gefängnisse hingerichtet werden. Wir dürfen nicht mehr an Gräbern stehen.«
Klaus Croissant RAF-Verteidiger
Auch der Rechtsanwalt und spätere SPD-Bundesinnenminister Otto Schily stellte sich am Grab von Ulrike Meinhof in seiner Ansprache ohne Scheu an die Seite der »kommunistischen Kämpferin«. Diese sei nicht für »den Frieden der Unterdrückung«, sondern für »den Frieden der Befreiung von Imperialismus und Klassenherrschaft« eingetreten. Sie habe »als Verbündete der Völker der 3. Welt, als Verbündete der Hungernden und Geknechteten der gesamten Welt« agiert. Meinhofs Leben, aber auch ihren Tod wollte Schily als »ein Zeichen und eine Hoffnung für die Befreiung der Menschheit« verstanden wissen.
Rechtsanwalt Klaus Croissant hingegen beklagte in seiner Rede »den in der Öffentlichkeit als Selbstmord verkauften Mord, der am Ende von vier Jahren Isolationshaft steht«. Nach Holger Meins, Katharina Hammerschmidt, Siegfried Hausner und Ulrike Meinhof dürfe »es keine gefangenen Revolutionäre mehr geben, die vom deutschen Staatsschutz in der Isolation der Gefängnisse hingerichtet werden. Wir dürfen nicht mehr an Gräbern stehen.«
Ein Beobachter der Zeitschrift des Kommunistischen Bundes (KB), »Arbeiterkampf«, vermerkte missmutig über den Verlauf der Beerdigung, es seien zwar »markige Erklärungen wie ›Ulrikes Rache ist unser Versprechen‹ und ›Ulrike Meinhof ist nach Rosa Luxemburg die wichtigste Frau in der deutschen Geschichte‹« zu hören gewesen. Aber leider habe es eben auch so etwas gegeben wie einen »Personenkult«, gipfelnd in der Aussage des Theologen Prof. Gollwitzer, dass Meinhof »in die Liebe Gottes« eingegangen sei. Einzig die Ansprache des Verlegers Klaus Wagenbach fand im »Arbeiterkampf« positive Erwähnung: Indem dieser »von der zunehmenden Faschisierung, von Berufsverboten und Extremistenbeschlüssen« gesprochen habe, sei er der Einzige gewesen, »der versuchte, ihren Tod in die politische Landschaft der BRD einzuordnen«. Doch leider seien seine Überlegungen in »dem großen Schwall politischer Phrasen, Fehleinschätzungen und bloßer Racheschwüre« untergegangen.
»’ne großartige Frau«
Nach dem Ende der Beerdigung fand eine mehrere Stunden andauernde Demonstration statt. Daran nahmen Blöcke der KPD [AO] und der KPD/ML mit dem Leittransparent »Kampf der politischen Unterdrückung in der BRD und DDR« teil, aber auch ein Block der sogenannten Spontis. So wurde damals jener aus Frankreich, Italien und vor allem aus der Bundesrepublik und West-Berlin angereiste Personenkreis genannt, der – so schrieb die »Frankfurter Rundschau« – »durch eine Maskerade von Schminke, schwarzen Schals und Tüchern« gekennzeichnet sei und der Polizei »als möglicherweise politisch gewalttätig« galt.
Die Demonstration führte von der Gegend hinter dem Tempelhofer Ullstein-Haus über rund 15 Kilometer bis in die Innenstadt zum Kleistpark in Schöneberg. Auf den Transparenten waren Dinge zu lesen wie »Es gibt viele Arten zu töten, nur wenige sind in unserem Staat verboten« und »Wir Ärzte fordern Aufhebung der Isolationshaft«. Am Kleistpark fand auch die Abschlusskundgebung statt, nahe dem (heute noch existierenden) Café »Petit Europe«, in dem Ulrike Meinhof sich in den Jahren 1969/70 immer mal wieder einen Kaffee hatte schmecken lassen.
Die Zeitung der Roten Hilfe Deutschland beurteilte den Ablauf der Begräbnisfeierlichkeiten als eine »machtvolle Demonstration gegen Isolationsfolter und Vernichtungshaft« – nichts weniger als eine »Kampfaktion für die Freiheit aller politischen Gefangenen«.
Einen etwas anderen Sound schlug ein paar Wochen später in einer Stellungnahme Fritz Teufel an, der zu diesem Zeitpunkt in der JVA Moabit wegen Mitgliedschaft in der Guerillagruppe Bewegung 2. Juni einsaß. Ulrike Meinhof sei »’ne großartige Frau« gewesen, stellte er lapidar fest, und dass man doch das Recht habe, über ihren Tod zu denken, was man wolle, »solange der Deutsche Bundestag das nicht per Gesetz anderweitig regelt«. Es sei immer ein Grund, traurig zu sein, wenn Freunde und Genossen sterben, tippte Teufel auf seiner Knast-Schreibmaschine weiter, aber »nie ein Grund zur Resignation und Verzweiflung.« Ihm leuchte hier allemal der bürgerliche Brauch ein, sich bei Beerdigungen den Wanst vollzuschlagen, zu saufen und fröhlich zu sein. Die revolutionäre Variante besage nun aber, so gab sich Teufel überzeugt, »dass man einen toten Revolutionär ehrt, indem man Revolution macht. Und fröhlich ist.«
Seine Worte erschienen in einem Flugblatt der Roten Hilfe Westberlin unter der Überschrift »Der Kampf geht weiter!«. Damit es allerdings überhaupt künftig praktizierbare revolutionäre Bräuche geben konnte, musste auch etwas dafür getan werden, dass die Gefangenen schnellstmöglich aus dem Gefängnis freikamen. Und das gilt noch heute.








