Brief an die Soligruppe von Werner Braeuner vom 18.6.2011

Liebe GenossInnen der Soligruppe,

ich grüße Euch mit revolutionärer großer Herzlichkeit! Ihr habt mit Eurem Schiff den Hafen hinter Euch gelassen, seid gegen widrige Winde kühn und entschlossen durch das der Küste vorgelagerte Riff mit seinen Felsen und Untiefen gekreuzt und habt nun tiefes Wasser unter den Kiel bekommen. Auffrischende ozeanische Winde drücken ins voll gesetzte Segel, mit leisem Jubel zieht der Bug eine schäumende Linie ins Urelement – ein stolzes proletarisches Schiff hat die offene See erreicht und Fahrt aufgenommen. Der Name des Schiffes ist Widerstand, sein Ziel heißt Befreiung – ex nihilo plentitudines – aus dem Nichts Fülle!

Die von … übermittelten Nachrichten von Euren Aktivitäten und deren Widerhall von anderen Schiffen, die von da und dort kommend nun ebenfalls mit dem Bug hart am Wind und die Küste im Rücken gute Fahrt machen, erzählen von lebendigen proletarischen Kollektiven im Klassenkampf. „Und wieder und wieder besiegt David den Goliath,“ schrieb Erich Neumann im Jahr 1948 ins Vorwort seiner >Ursprungsgeschichte des Bewußtseins<, in eines der heiligen gottlosen Bücher der Menschheit: Seit es Herren und Knechte gibt, besiegt das Leben den Tod.

Ich möchte Euch und allen KlassenkämpferInnen auf den anderen proletarischen Schiffen für Eure Solidarität im Kampf danken. Kein Sturm soll Euch schrecken – ein Hoch auf die revolutionäre Fraktionen des weltweiten Proletariats!

Zugegeben erschrocken über meine wütende Reaktion auf TMF, will ich Euch diese, ohne mich festzubeißen, näher begründen. Dazu habe ich die Ausgaben 18 bis 28 des Gefangenenrundbriefs >Mauerfall< herangezogen. (( Die vorerst letzte Ausgabe, Nr. 28, ist von Aug./Sept. 2010, die 18 von März 2009. Mit der 28 wurde der >Mauerfall< eingestellt, weil dessen Motor, … (4oSSKe.V., Salierring 37, 50677 Köln), aus zwingenden Gründen eine Auszeit nehmen mußte.))

Etwa ab der Ausgabe 14 ist der >Mauerfall< im Netz archiviert, die Nr. 28 nennt 3 URL, schaut eventuell nach, unter welcher davon archiviert ist, ich glaube bei ABC-Berlin:

http://groups.google.de/groups/antiknast

1) Nr. 19, April 2009, Seite 10 >>Neues Dossier… Häftlinge mit psychischen Störungen – Adäquate Behandlung verweigert -<<, von Johannes Feest (emeritierter Professor der Uni Bremen mit denkbar gutem Ruf unter Antiknast-AktivistInnen; Gründer des Bremer Strafvollzugsarchiv – http://www.strafvollzugsarchiv.de). Der Beitrag ist kurz genug, um ihn hier einzustellen:

>>In einem ausführlichen taz-dossier vom 7./8.02.2009 berichtet Lutz Bernhardt über eine empirische Untersuchung, wonach das Gros aller Häftlinge in Deutschland an psychischen Störungen leide. Bei 83% der Gefangenen bestehe direkter, fachspezifischer Behandlungsbedarf, der „bisher im Strafvollzug nicht oder nur unzureichend befriedigt wird“, so ein Ergebnis der Studie. Der Bericht wird ergänzt durch ein Interview mit einem der Ko-Autoren der Untersuchung, dem Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Frank Schneider. Er fordert eine genauere Untersuchung bei der Aufnahme, die Integration von psychiatrischer und psychologischer Kompetenz in die Gefängnisse und Ambulanzen für entlassene Strafgefangene.<<

Aus revolutionärer Sicht ist Schneiders Forderung sicher nicht zuzustimmen:
Bürgerliche Ökonomie – scharfe Ausbeutung der unteren Ränge des Proletariats in der Lohnarbeit, begleitet von sozialer Ausgrenzung und/oder politischer Unterdrückung – macht jene Proletarier selbstverständlich krank. Bürgerliche Psychiatrie/ Psychologie soll das nun heilen können??? Wohl ein Witz. Immerhin aber weist die empirische Untersuchung auf die prekäre seelische Gesundheit von Eingeknasteten (die unteren Ränge des Proletariats) hin und ist als Faktenbericht ansehbar.

So auch erinnere ich einen >Mauerfall<-Beitrag von TMF vor der Nr.18 (jene Ausgabe habe ich nicht), wom TMF erstaunliche Zahlen für Persönlichkeitsstörungen bei Gefangenen nennt. Obschon TMF sich selbst zum Thema also längst geäußert hat, läßt er nun mit Blick auf mich offen und wehrt nicht gegen ein Inkriminieren meines gelegentlichen Thematisierens des Problems (Hunde, Huren, Wölfe)!

2) In >Mauerfall< 27, Juni/Juli 2010, ist auf Seite 12 ein Beitrag von jenem Rolf F. Meixner aus der hessischen JVA Schwalmstadt, >>Furchtbare Juristen<<; von Rolf erhielt ich am 18.5. brieflich die Info, der Bund zahle den Tagesverpflegungssatz von 6,77€. Da Hessen, anders als Niedersachsen, noch kein eigenes Strafvollzugsgesetz hat, könnte das für Hessen stimmen, für Niedersachsen mit eigenem StVollzG seit 2008 aber nicht. Wer weiß! Nochmal, bitte: Rolfs Beitrag war mir vor dem HS nicht mehr in Erinnerung; ich hab die 6,77€ (circa 7€) aus der Dirk von der JVA Sehnde vorgeleten Haftkostenrechnung ermittelt.

3) Im >Gefangenen Info< 362, juni 2011, auf S.17, ruft TMF kurz zu Solidarität mit mir auf und erklärt einem staunenden Publikum gleich auch, welch staunenswerte tolle Type ich doch sei: „W.B. hat gehandelt, wo viele sonst nur reden, fluchen und sich allenfalls zu der Phantasie hinreißen lassen: `MAN sollte mal was tun…'“ Ein paar Zeilen weiter dann: „Auch dort handelt Werner, dort wo viele sonst nur mit der Faust in der Tasche reden, fluchen und sagen: `Mensch, MAN sollte mal was tun…`“ – Werner, der große Macher! Der schlägt zu, welch ein Kerl!

Mit solcher Personendarstellung kann sich jede rechte Dumpfbacke, die anstatt Hirns eine Mischmaschine im Kopf hat, mühelos identifizieren. Nicht aber jemand, dessen Handeln sich aus dem Ethos revolutionären Klassenkampfs mit dem Ziel kollektiver Befreiung von Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung verantwortet. Ich bin Antifaschist, Antikapitalist und Sozialrevolutionär, kein infantilistischer Krawallkasper. Und es macht mich wütend, wenn jemand, der behauptet, auf der selben Seite der Barrikade zu kämpfen, meine Person, meine Tat vom 6.2.2001 und sogar meinen HS als Projektionsflächen für seine eitle Selbstbespiegelung als Rambomacho vereinnahmt – und ja, mißbraucht! Mit alldem biegt Meyer-Falk den Hungerstreik, zu dem mich der Klassenfeind und seine erbärmlichen Büttel und Huren zur Verteidigung meiner Gesundheit und Würde nötigen, ins Lächerliche um. Nochmals an TMF: Halte Dich von meinen Angelegenheiten, mir, meinen FreundInnen, GenossInnen und von meinem HS fern!

4) Im >Mauerfall< findensich verschiedene Orts Beiträge von mir, deren zwei Euch sehr gefallen könnten:

a) Nr.24, Nov./Dez. 2009, Seite 13-15, >>Zauberorte<<. Der Text beschreibt Knast als quasi sakralen Ort in christlich-theologischer Traditionslinie:
Wie die Wandlung von Brot und Wein in einen Gott, zugleich Wandlung von Materillem zu Geistigen, wird im Knast Böse zu Gut gewndelt. Interessant nun, daß dies für die JVA Sehnde schon eigentlich nicht mehr zutrifft. Nietzsche sah bereits voraus, der Christenmensch werde zu einem Monstrum werden, solbald er die moralische Autorität seines Gottes im weiteren Verlauf der Moderne zurückweisen würde – mit meinen Worten die Wandlung von SozialdemokratInnen zu FaschistInnen, welche aktuell beobachtbar ist. So hat die JVA Sehnde in den vergangenen Jahren alles zauberörtlich Sakrale abgestreift, an Stelle eines christlichen ist kapitalistischer Wandlungszauber getreten: die Wandlung leiblicher menschlicher Arbeit zu Profit – schrankenlos! Der den Böse-zu-Gut-Zauber unterstützen sollende Psychologische Dienst („Resoziallisierung“!) ist hier zu einer allseitig belächelten albernen Reminiszenz geworden.
(Der erste Satz von > >Zauberwort<< ist im >Mauerfall< falsch wiedergegeben; richtig muß es heißen: „Es gibt zahlreiche Wege, sich dem Knast zu nähern.“)

b) Ebenfalls im >Mauerfall< Nr.24, S.22, >>Der besondere Geburtstagsgruß – Für den Mauerfall zum Geburtstag von Jaques Mesrine<<!

Gestern, am 17.6. haben Wolfgang und ThoBo mich besucht. Draußen liefe es immer besser, berichteten sie. Ihr Besuch war aufmunternd und ermutigend, obwohl sie auch vom Gegendruck einiger erzählten. Ob Ihr, oder was Ihr, eventuell aus diesem Brief veröffnetlichen möchtet, sei Euch überlassen. Auf offener See regiert allein die Besatzung das Schiff, ich sitz ja (noch) an Land fest, im innersten Heiligtum des Klassenfeinds.

kameradschaftlich-kämpferisch-klassenBewußt grüßt

Werner [Pfeil und Bogen]

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