Brief von Devrim Güler zum Hungerstreik von Werner Braeuner

Liebe GenossInnen, um auf Werners Hungerstreik und dessen Gründe einzugehen, möchte ich zunächst betonen,
dass Werner auf jeden Fall die Unterstützung der Öffentlichkeit verdient und diese Unterstützung auch aufgrund der zum Teil perversen Knastverhältnisse nicht unbegründet wäre.
Sicher wird es Menschen geben, die den Hungerstreik Werners für überzogen und als selbstdarstellerisch bewerten. Jedoch sollten sich dieselben im Klaren darüber sein , dass kein Gefangener dazu fähig wäre, einen Hungerstreik oder gar ein Todesfasten unter Knastbedingungen durchzuführen, nur um Populismus zu betreiben.
Und diese Tatsache ist umso gültiger, als dass die betreffende Person , in diesem Fall Werner Braeuner, diese Aktion unter schwierigen Verhältnissen alleine durchzieht.
Werner ist ein Anti-Kapitalist mit einem weit ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Er ist ein sehr solidarischer Mensch, dem die Gerechtigkeit überall auf der Welt wichtig ist, nicht nur in Deutschland.
Diese Beobachtung meinerseits basiert auf die nicht wenigen Briefwechsel, die wir miteinander hatten.
Unabhängig davon, wie man zu seiner Tat, die zu seiner Verhaftung geführt hat, steht; ob man sie bejaht , toleriert oder verurteilt – auch unabhängig davon , wie man zu seinen politischen Positionen steht; bei diesem Hungerstreik geht es um die Menschenwürde, die ihre Gültigkeit für alle Menschen haben sollte und die es auch für andere zu wahren gilt.
Als ehemaliger Gefangener sollte ich vielleicht kurz auf die Umstände in den Knästen eingehen, um die Entscheidung von Werner hinsichtlich des Hungerstreiks ein wenig verständlicher zu machen. In der Tat sind Knäste Orte der psychischen Verwahrlosung. Dies trifft vor allem bei unpolitischen Gefangenen, die nun mal den überwältigenden Grossteil ausmachen, zu.
Viele Gefangene sind soweit sozial degeneriert, dass sie einen großen Gefallen daran finden, andere – meist schwächere – Gefangene zu demütigen oder sonst wie zu schädigen. Hierbei sind perverse Methoden keine Seltenheit.
Wenn solche Gefangene zudem erkennen, dass ihr potentielles Opfer auch seitens der  „Vollzugsbeamten “ schikaniert wird und schutzlos ist, fühlen sie ihre Stunde gekommen, denn sie gehen davon aus, dass die Beamten beide Augen zudrücken werden, wenn sie ihr Opfer auf
subtile Weise misshandeln.
Auch ich habe einige Male, nachdem ich eine verbale Auseinandersetzung mit einem Gefangenen hatte, der als so genannter „Reiniger “ beschäftigt war (diese sind für Essensverteilung und Reinigung des Trakts zuständig), undefinierbares, ekliges Zeug im Essen ausgemacht und das Essen jedes mal weggeschüttet.
Es war dem Typen alles zuzutrauen, menschliche Gefühle schienen ihm fremd zu sein.
Da ich meine Annahme nicht beweisen konnte und wusste, das der Typ einige Tage später verlegt werden würde, habe ich das Essen, solange er da war, nicht angenommen und die Sache nicht weiter thematisiert. Glücklicherweise war der Typ nach ein paar Tagen ohnehin verschwunden und die komischen Klümpchen im Essen waren auch nicht mehr auszumachen.
Warum erzähle ich das? Ich möchte nur zeigen , dass Werners Aktion nicht unbegründet ist und er die Solidarität der Menschen draußen verdient hat.
Sein momentaner Kampf ist im eigentlichen Sinne kein politischer Kampf – es ist ein Kampf um Menschenwürde und für Menschenrechte .
Der Kampf um Menschenwürde verdient die Solidarität aller ehrenhaften Menschen.

Devrim Güler,
ehemaliger Gefangener aus dem § 129b-Verfahren.
Er ist zu  4 Jahren und 10 Monaten verurteilt und ihm droht die Auslieferung in die Türkei. Zur Zeit unter Residenzpflicht, d. h., er darf seinen Aufenthaltsort nicht verlassen.

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