Briefe gegen die Isolation

Briefe gegen die Isolation

Christa Eckes gehörte zu den Gefangenen der RAF, für deren Freilassung ein Teil der außerparlamentarischen Linken in der BRD in den 1980er Jahren kämpfte. Sie hat vom April 1988 bis Dezember 1989 einen Briefwechsel mit Hüseyin Celebi geführt, der im Rahmen der Repression gegen kurdische Aktivistinnen verhaftet worden war. Jetzt haben die ehemaligen RAF-Gefangenen Gisela Dutzi, Sieglinde Hoffmann und Brigitte Mohnhaupt den Briefwechsel in der Edition Cimarron veröffentlicht. Nun könnte man fragen, warum man diese Konversation nach über 30 Jahren lesen sollte? Zunächst einmal, weil man etwas über die Schwierigkeiten erfährt, unter Isolationshaftbedingungen eine Diskussion zu führen. Zudem könnten gerade jüngere Leserinnen einiges über Kämpfe und Repression in der BRD erfahren, was sie sicherlich kaum einer Schule oder Universität erfahren werden. Um nur eine Textstelle der Konversation rauszugreifen: So schrieb Christa am 7. Januar 1989 an Hüseyin: „Noch mal zum Brief, der angehalten wurde, wegen Infosystem…. Und zur Zusammenlegung, die „Begründung“ und die Kriminalisierung dieser Forderung ist geradezu lächerlich. Denn damit, also mit dem Verbot der Zusammenlegung und der Kriminalisierung dieser Forderung, politisieren sie selbst die Geschichte“ (S.85). Viele Begriffe aus dem Briefwechsel sind heute erklärungsbedürftig. Es geht um von der Gefängnisverwalttung angehaltene Briefe an und von Gefangenen aus der RAF. Sie wurden beschuldigt, im Knast ein Infosystem aufgebaut zu haben, mit dem sie sich jenseits der staatlichen Zensur austauschen konnten. Christa hat später im Brief geschrieben: „Natürlich – im doppelten Sinne, wollte ich ein Infosystem aufbauen und natürlich auch für die Prozessvorbereitung, um einigermaßen den unterschiedlichen Stand anzugleichen, weil das unglaublich wichtig ist.“ (S.86). Hier geht es also darum, der Zensur, die damals im sehr weitgehend war, etwas entgegenzusetzen. Nicht nur Briefe wurden damals angehalten und beschlagnahmt, wenn dort Inhalte vertreten wurden, die den Zensorinnen verdächtig vorkamen. Auch ganz legale Zeitungen wurden entweder angehalten oder es wurden verdächtige Artikel einfach ausgeschnitten. Darunter waren alle Themen, die sich um die linke Kämpfe und Bewegungen drehten. Ein rotes Tuch für die Staatsapparate war auch allein schon das Wort Zusammenlegung. Damit war eine zentrale Forderung der Gefangenen aus RAF und antiimperialistischen Widerstand in den 1970er und 1980er Jahre gemeint, gegen die staatliche Politik der Isolation und Zerstreuung die Zusammenlegung in großen Gruppen zu fordern und dafür auch mit mehreren kollektiven Hungerstreiks zu kämpfen. Es existierte auch draußen eine Bewegung, die diese Forderung unterstützte und deswegen kriminalisiert wurde. Genossinnen wurden zu Haftstrafen verurteilt, nur weil sie Veranstaltungen mit der Forderung der Zusammenlegung der Gefangenen aus RAF und Widerstand organisiert hatten oder Plakate mit diesen Motto geklebt hatten. Das Buch vermittelt einen kleinen Eindruck dieser Kämpfe. Aber es wird eben auch die Schwierigkeit deutlich, unter Isolaltionshaftbedingungen überhaupt eine Diskussion führen zu könne.
Immer wieder stockt die Kommunikation, weil Briefe von den Behörden angehalten wurden oder erst nach Wochen ankommen. Der junge Kurde ist im Vorfeld des Massenprozess in Düsseldorf daran interessiert, mehr den Umgang der BRD-Justiz mit antagonistischen Linken zu erfahren. Dafür konnte Eckes viele Beispiele liefern, was die Lektüre heute noch lohnend macht. Am Rande kommen die weltpolitischen Umbrüche jener Monate zur Sprache. Über den letzten großen Hungerstreik der RAF-Gefangenen, an dem Eckes teilnahm, erfährt man nur wenig. Politische Differenzen, die an einigen Stellen anklingen, wollten beide nicht unter Knastbedingungen verhandeln. Doch in Freiheit konnten sie sich nie begegnen. Christa Eckes starb 2012 an Leukämie, Hüseyin Celebi bereits 1992 als Guerillero in Kurdistan. Ein Kapitel, das den Briefkontakt historisch einordnet, wäre vor allem für jüngere Leser*innen wünschenswert gewesen.

Peter Nowak

Briefwechsel Christa Eckes Hüseyin Celebi, April 1988 – Dezember 1989, Edition Cimarron 2021, S. 202, 12 Euro, ISBN: 978-2-931138-01-4

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