Die französische Presse und der Fall Sevimli

Die französische Presse und der Fall Sevimli

Gestern (29.6.) las ich nach längerer Zeit mal wieder  Le Monde. Beim Lesen fiel mir ins Auge, dass der Leitartikel des wichtigsten französischen Printmediums sich mit der Verhaftung einer jungen französisch-türkischen Studentin befaßte, die in der Türkei von der Polizei festgenommen wurde, weil man ihr vorwirft, Mitglied in der DHKP-C zu sein. Der Anwalt der Familie, Sami Kahraman, hat sich an die Presse gewandt und will erreichen, dass seine Mandantin nach Frankreich ausgeliefert wird. Sie ist Doppelstaatlerin, der französischen Botschaft sei jedoch der Kontakt zu ihr verwehrt worden, da die Türkei sie als türkische Staatsbürgerin betrachte.

Der Chefredakteur von Le Monde fragt: “Welches Verbrechen hat Sevil Sevimli begangen, Herr Erdogan?”

und weiter: “Ist es ein Verbrechen, an der legalen Parade zum 1. Mai teilzunehmen, an einem von 300.000 Zuschauern besuchten Konzert der Band “Grup Yorum”, an einem Studentenpicknick, und Plakate für kostenlose Bildung aufzuhängen?” Mehr habe es nicht gebraucht, so Le Monde, um sie der Unterstützung des Linksterrorismus zu bezichtigen. Die Zeitung mutmaßt sogar, dass dieser Fall den EU-Beitritt der Türkei beeinträchtigen könnte und bemerkt, dass dieser Fall nicht der einzige ist. Sie beruft sich dabei auf Informationen türkischer linker Organisationen, die allerdings ungeprüft bleiben.

Die englische Presse hat auch schon über den Fall berichtet, und DR Radio Wissen (Deutschlandfunk) hat es in ihrer Presseschau zusammengefaßt.

Solche deutlichen Worte würde ich mir von der deutschen Presse auch wünschen. Wenn ich mir anschaue, was über Murat Kurnaz geschrieben wurde, zum Beispiel “der Bremer Taliban”, nun ehrlich, da sind die Deutschen meilenweit von den franzosischen Kollegen entfernt. Kurnaz hat zwar  nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, ist aber dennoch hier zuhause. Und die Berichterstattung über andere, z.B. über türkische Linksradikale, ist in Deutschland mit Ausnahme der linken Presse nicht existent.

von annette hauschild

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