Die Gefängnisnation: Wie die herrschende Klasse ihren Reichtum gegen die besitzlosen Massen schützt

Jedes Gefängnis ist gleich, und jedes ist anders. Jedes Gefängnis hat seinen eigenen Mythos – denken wir nur an Alcatraz, Sing Sing und Attica – und seinen eigenen inneren Rhythmus: hart, lässig, straff, locker oder rauh. Jedes Gefängnis entspricht einer bestimmten Kategorie, abhängig von der Klassifizierung von Verbrechen, die Gerichte und Justizverwaltungen danach vornehmen, wessen Interessen jeweils bedroht sind.

Beispielsweise sind Männer und Frauen in den »Löchern« des Staates, also jenen Isolationsbereichen der Strafanstalten, in denen die Todestrakte untergebracht sind, zwar mit den schlimmsten Strafen belegt, leben aber unter Haftbedingungen, die am wenigsten umstritten sind. Sofern diese Gefangenen – also eigentlich ihre Familien – es sich leisten können, verfügen sie in ihren Zellen über Fernsehen, Radio und andere Annehmlichkeiten. Einige Gefangene haben sogar Jobs in Gefängniseinrichtungen und verdienen damit sagenhafte Löhne von 35 bis 50 US-Dollar im Monat (ja, wirklich: im Monat!). In diesen Trakten ist jeder Gedanke auf die ultimative Strafe ausgerichtet – den Tod. Vor dem Hintergrund dieser Monströsität erscheinen die genannten Annehmlichkeiten trivial.

Die Todestrakte in den Bundes- und Landesgefängnissen sind jedoch eine Klasse (abgeleitet von »Klassifizierung«) für sich. Jenseits dieser Spezialtrakte existiert eine Vielzahl von Klassifizierungen, die so unerträglich wie alltäglich sind. Dazu gehören »Administrative Custody« (Administrativhaft, eine Absonderungshaft zur Begutachtung der Neuzugänge vor ihrer Einstufung in die auf sie zutreffende Haftkategorie), »Disciplinary Cus­tody« (Disziplinarhaft bei anstaltsinternen Strafen), »Protectice Custody« (Schutzhaft, z.B. für Kronzeugen) und viele mehr. Bei all diesen Kategorien ist Zelleneinschluß obligatorisch. Für alle gelten bestimmte Regeln, was erlaubt ist und was nicht, und alle verfügen über abgestufte Grade von Repression.

Die gängigen Standardwerke der US-Geschichte beschreiben die Vereinigten Staaten von Amerika praktisch als klassenlos. Rigide Klassenunterschiede seien mehr ein britisches oder europäisches Problem. Wie kann es dann aber sein, daß eine Nation, die von sich behauptet, »klassenlos« zu sein, Institutionen hervorbringt, die derart von Klassendifferenzierung durchsetzt sind? Einfache Antwort: Weil die USA niemals klassenlos waren. Aber nicht nur, daß diese Gesellschaft immer schon von rigiden Klassengegensätzen geprägt war, es existierte und existiert ein Kastensystem, das härter ist als Granit. Sehr viele Schwarze leben in diesem Kastenwesen, wie die afroamerikanische Juradozentin Michelle Alexander in ihrem 2010 erschienenen hervorragenden Werk »The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness« (Die neuen Jim-Crow-Gesetze: Masseninhaftierung im Zeitalter der Farbenblindheit) nachgewiesen hat.

Die herrschende Klasse der Wohlhabenden hat Gefängnisse und Gerichte erschaffen, um sich und ihren Reichtum gegen die besitzlosen Massen zu schützen. Sie schufen auch die Illusion von der Klassenlosigkeit, die sie durch ihre Medien verbreiten und aufrechterhalten lassen. Unaufhörlich plärrten sie von »Freiheit«, während gleichzeitig das gewaltigste Gefängnissystem errichtet wurde, das die Welt je gesehen hat: den gefängnisindustriellen Komplex – die Gefängnisnation USA

Übersetzung: Jürgen Heiser

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