[FFM] “… und dann wollten wir den Papst entführen!”, Bericht vom 25.1.

Der Besucherraum des Landgerichtes war mit ca. 50 Leuten sehr gut gefüllt. Unterstützer_innen von Sonja und Christian stellten den Hauptanteil. Mittlerweile muss mensch sich daran gewöhnen, dass mindestens vier bewaffnete Polizist_innen mit im Saal sitzen. Sie tragen kugelsichere Westen, Pistolen und verstärken die sog. Sicherheitskräfte aus Zivilpolizei und Justizbeamt_innen.

Fast alle besitzen ausgeprägte muskulöse Arme, damit sie ihrem Auftrag gewachsen sind.

Der Prozess begann mit der Gegendarstellung der Verteidigung zum Ausschlussverfahren der Vorsitzenden von fünf namentlich genannten Zuhörer_innen, die angeblich gestört haben. Eine unbeteiligte Zuhörerin war ausgeschlossen worden, die sich dagegen wehrt und eidesstattliche Versicherungen von anderen beibrachte. Letztlich ist nach 10 minütiger Beratung die Gegenvorstellung zurückgewiesen worden, in dem die Vorsitzende Stock einfach behauptete, dass den vorgebrachten Tatsachen nicht geglaubt wird, auch niemand als Zeuge dazu gehört wird und der Ausschluss bestehen bleibt. So einfach ist Wahrheitsfindung. Diese Vorgehensweise zeigt deutlich das Selbstverständnis des Gerichtes besonders der Vorsitzenden Frau Stock, dass es nicht um Wahrheitsfindung im weitesten Sinne geht, sondern um Verurteilung und Machtdemonstration.

Nun konnte mit der Befragung des Kronzeugen Klein fortgefahren werden. Ich möchte hier nicht die Phantasie-, Lügen- und Denunziationsgeschichten Kleins wiederholen, sondern benenne nur die Themenbereiche und schließe eine kurze Bewertung an. Klein berichtete oft in einer etwas verworrenen und nuscheligen Sprache in schnoddriger Art, auch sehr unterwürfig gegenüber der Vorsitzenden, auf die gestellten Fragen. Sein Mitteilungsbedürfnis war ungebrochen. Er wurde zu der Frankfurter Zelle der Revolutionären Zellen befragt, nannte Namen von angeblichen Mitgliedern, kannte die Angeklagten aus der Sponti-Szene. Zur Zeit seiner Anwerbung wusste er nichts von einer Organisation, die sich RZ nannte. Angeworben sei er gezielt für Auslandseinsätze. Er berichtet über ein Treffen im Stadtwald und beschuldigt hier Sonja Suder, dabei gewesen zu sein. Es soll konkret um seine Beteiligung beim OPEC-Überfall gegangen sein. Er habe sich zwei Wochen Bedenkzeit ausgebeten, da ihm die Konfrontation mit den reichen, wichtigen Erdölministern doch etwas schwierig zu sein schien. Nach zwei Wochen gab es wieder ein Treffen mit mehr Informationen, das es sich um eine propalästinensische Aktion handeln sollte und Libyen genaue Informationen liefern wollte. Es sollte um Entführungen gehen und ein palästinensisches Kommando die Aktion führen. Er wird danach gefragt, wie er nach Wien gekommen ist, wer dabei war, wo er sich in Wien aufgehalten hat und beschwert sich zwischendurch, dass die österreichische Polizei die Hotels, Villen und Wohnungen nicht gefunden hat, in denen sich das komplette Kommando aufgehalten hat. Da versprochene libysche Waffen nicht rechtzeitig eintrafen, wären Waffen aus dem RZ Depot in Frankfurt geordert und von Frau Suder gebracht worden. Die hat sie allerdings direkt wieder nach Frankfurt zurückgebracht, weil die libyschen Waffen dann doch angekommen waren. Da Klein als Waffennarr bekannt ist, kommt er bei der genauen Beschreibung derselben ins Schwärmen und sprudelt irgendwelche Kleinfeuerwaffennamen aus. Dann erzählt er den Überfall, wer wo gestanden und geschossen hat etc. und dass er durch einen Querschläger schwerst verletzt wurde.
Anschließend nimmt er uns mit auf eine Reise durch Nordafrika und den arabischen Raum, will aussteigen und weiß nicht wie und „macht irgendwann zu den Frauen vom 2. Juni rüber“. Auf die Frage, was der 2.Juni sei, antwortet er „das waren Frauen“. Er berichtet, dass er mit all dem nichts mehr zu tun haben wollte nach dem „Massaker in Wien“ und berichtet, dass verschiedene bewaffnete Gruppen ihn umworben hätten, weil er als Kommandomitglied des OPEC Überfalls sehr renommiert war, er war was Besonderes. Seinen Ausstieg hat er sich mit Hilfe von Freunden in Frankfurt organisiert u.a. Matthias Beltz und Daniel Cohn-Bendit. Von einem glaubwürdigen Zeugen sind wir hier kilometerweit entfernt. Er vermischt Vermutungen, Kenntnisse vom Hörensagen, Lügen, Denunziationen und Realitäten. Das ist für einen Kronzeugen nicht ungewöhnlich. Er selbst stellt sich als Opfer dar, alle um ihn herum sind heute auf der Gewinnerseite, nur er hat verloren, er ist der einzige Verurteilte für den OPEC-Überfall und zusätzlich macht seine Angst vor dem Knast ihn käuflich.

An sich müsste jeder Zuhörerin und jedem Zuhörer die Verworrenheit, Widersprüchlichkeit und die Inszenierung des Zeugen deutlich geworden sein, doch den meisten Medienvertretern scheint dies entgangen zu sein bzw. verfolgen sie ausschließlich ihr eigenes politisches Interesse und das ist reaktionär bis autoritär. Das Gericht selbst funktioniert in derselben Logik.

Zehn Minuten vor Schluss haben Unterstützer_innen unter lautstarkem Protest den Saal verlassen: Freiheit für Sonja! Denunziant raus!

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