»Die Hungerstreikenden fordern legalen Status«

In Griechenland verweigern rund 300 Asylsuchende die Nahrungsaufnahme, um endlich anerkannt zu werden.

Zine Lackner ist Sprecherin des griechischen Sozialprojekts Bag-Mohajer (Taschen-Migrant), in dem minderjährige Asylsuchende aus einem Auffanglager auf Lesbos Taschen aus Altkleidern nähen

Etwa 300 Asylsuchende sind in Athen und Thessaloniki bereits seit dem 25. Januar im Hungerstreik. Warum haben sie zu dieser drastischen Protestform gegriffen?

Die meisten von ihnen leben und arbeiten bereits seit fünf bis zehn Jahren in Griechenland. All ihre Anstrengungen, einen legalen Status zu bekommen, waren bisher jedoch vergeblich. Fast alle haben viel Geld für Behörden, Anwälte und Gerichte ausgegeben, ohne daß sich ihre Situation dadurch verbessert hätte. Seit der Krise hat sie sich sogar massiv verschlechtert. Rassisten machen Stimmung, indem sie behaupten, daß die Migranten verantwortlich für die Ausbeutung griechischer Arbeiter seien.

Ich will ein Beispiel nennen. Mohammed ist 27 und kommt aus Marokko. Seit sechs Jahren lebt und arbeitet er in Griechenland, in Athen und auf Kreta. Auf dem Bau in Athen mußte er nachts ab Null Uhr schuften, der Job war schwarz. Er hat auch in der Landwirtschaft gearbeitet. Sein Chef schuldet ihm 4000 bis 5000 Euro. Als Mohammed ihn aufforderte, zu zahlen, erwiderte dieser, er solle doch zur Polizei gehen und ihn anzeigen – was er aufgrund seines illegalen Status’ nicht kann. Er hat weder Zugang zu ärztlicher Versorgung noch kann er unter seinem Namen eine Wohnung mieten, immer muß er andere um Hilfe bitten. Übergriffe von Rechtsradikalen und Polizeikontrollen sind für ihn Alltag. Drei Monate saß er im Gefängnis.

Was fordern die Migranten?

Die Hungerstreikenden wollen Papiere für alle aus der griechischen Gesellschaft Ausgegrenzten, Asylbewerber, nicht dokumentierte Flüchtlinge, Illegalisierte, ausgebeutete migrantische Arbeiter. Sie fordern die gleichen politischen und sozialen Rechte, die alle anderen Bürger haben.

Der kollektive Hungerstreik geht in die dritte Woche. Wo halten sich die Beteiligten auf?

Die 250 Migranten in Athen, meist junge Männer zwischen 22 und 30 Jahren, sind noch zuversichtlich und hoffen auf Erfolg. Zunächst streikten sie in einem leeren Gebäude der juristischen Fakultät der Universität in Athen – mußten jedoch auf Druck von Regierung und Medien in ein anderes umziehen, das nicht genug Platz bot. Mit Hilfe von Solidaritätsgruppen stellten sie deshalb Zelte auf; Dixi-Klos und Wasserspender wurden herbeigeschafft. Mit dem Dauerregen und niedrigen Temperaturen in Athen gab es Probleme. Mit 50 weiteren Hungerstreikenden im Gewerkschaftshaus in Thessaloniki tauschen sie Videobotschaften aus und sprechen sich gegenseitig Mut zu.

Warum mußten die Aktivisten in Athen die Uni verlassen?

Schon zu Beginn des Streiks äußerten Jura-Studenten Bedenken; die Uni wurde für einen Tag geschlossen, Prüfungen hat man vorerst abgesagt. Die Debatte war aufgeheizt, was letztlich Grund für den erzwungenen Umzug war – obgleich die Streikenden den Unibetrieb gar nicht gestört haben und sich in einem derzeit ungenutzten Nebengebäude aufhielten. In Griechenland verbietet das sogenannte »Universitätsasyl« der Polizei, diese Gebäude zu betreten. Aber die Presse konzentrierte ihre Berichterstattung auf den universitären Konflikt, und das Anliegen der Migranten rückte zunehmend in den Hintergrund. Immerhin gelangte der Hungerstreik auch mit der negativen Berichterstattung zu größerer Öffentlichkeit.

Es gibt auch Sympathie. Immer sind eine Menge Leute bei den Streikenden, bringen Wasser, Decken und Heizkörper. Einige hundert Menschen zeigen ihre Solidarität. Beim Verteilen der Flugblätter sind sie jedoch häufig mit schimpfenden, gar spuckenden Menschen konfrontiert.

Wie können Leserinnen und Leser von junge Welt die Migranten unterstützen?

Die Streikenden haben die Regierung in einem offenen Brief aufgefordert, ihnen entweder einen legalen Status zu geben oder 300 Särge zu bestellen. In Athen findet am Freitag ein internationaler Aktionstag statt. In Deutschland wird vor griechischen Botschaften demonstriert.

w2eu.net/2011/02/02/300-european-week-of-solidarity-with-the-hunger-strike
Blog von Thessaloniki:allilmap.wordpress.com

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