REPRESSION GEGEN LINKE

REPRESSION GEGEN LINKE

»Sie nannten den Raum ›Grund der Hölle‹«
Linke Aktivistin in Istanbul unter Hausarrest. Verschleppung durch den Geheimdienst und Folter. Ein Gespräch mit Ayten Öztürk
Interview: Nick Brauns junge WELT 5.2.22

Ayten Öztürk war aktiv bei der antiimperialistischen Volksfront (Halk Cephesi) und lebte bis März 2018 im Exil in Syrien. Sie gehört zur arabischen Minderheit aus der türkischen Provinz Hatay
Übersetzung: Emre Şahin
Die türkische Regierung hatte ein hohes Kopfgeld auf Ihre Ergreifung ausgesetzt. Am 8. März 2018 wurden Sie am Flughafen von Beirut festgenommen und türkischen Behörden übergeben. Was geschah dann?
Ich wurde von türkischsprachigen Männern gefesselt und mit einen Sack über dem Kopf in ein Flugzeug gebracht. Am Zielort wurde ich komplett ausgezogen und in eine Zelle geworfen, in der ich sechs Monate gefangen blieb. Anfangs setzten sie auf psychologische Folter. Nachdem ich in den Hungerstreik getreten war, folgte Zwangsernährung. Nach einer Weile begann die körperliche Folter durch maskierte Folterer. Ich bekam Elektroschocks, wurde in einen Sarg gesteckt, mein Kopf wurde unter Wasser getaucht, und ich wurde mit Stöcken geschlagen. Mir wurden auch scharfe Gegenstände unter die Nägel geschoben oder die Nägel verbrannt, sie verdrehten meine Zehen mit einer Zange, dazu kam sexuelle Belästigung. In der Zeit habe ich 25 Kilo abgenommen und 898 Narben an meinem Körper davongetragen.
Wie konnten Sie diese Folter überstehen, ohne den Verstand zu verlieren?
Jeden Tag plante ich Stunde für Stunde, woran ich denken würde, wann ich an welches Lied denken würde. Die systematische Denkweise bewahrte mich davor, mein Gedächtnis und mein Zeitgefühl zu verlieren. Ich dachte an meine Liebsten, an mein Volk und war mir sicher, dass draußen auch meine Genossen an mich dachten und mich suchten. Daraus habe ich Kraft geschöpft.
Wissen Sie, wer Ihre Folterer waren und wo sich dieses geheime Gefängnis befand?
Ich glaube, dass es der Geheimdienst MIT war. Der Keller eines Amtsgebäudes wurde als Folterkammer benutzt, sie nannten ihn »Grund der Hölle«. Diejenigen, die mich entführt und gefoltert haben, erklärten, sie täten es im Auftrag des Staates. Nach meiner Freilassung las ich in der Presse, dass außer mir 28 weitere Personen unter dem Ausnahmezustand nach dem Putschversuch 2016 entführt worden waren und monatelang in unbekannten Folterzentren festgehalten wurden. Darunter waren Revolutionäre, aber auch Mitglieder der Cemaat (Gülen-Sekte, jW). Ich habe Strafanzeige gestellt und die Folter vor jedem Gericht im Detail geschildert. Doch kein Richter oder Staatsanwalt hat deswegen eine Untersuchung eingeleitet.
jW-Shop: Broschüre Hans G. Helms
Die türkische Justiz hatte sie wegen angeblicher Mitgliedschaft in der antiimperialistischen DHKP/C gesucht. Wie ist der Stand des Prozesses?
Ich wurde erstinstanzlich ohne konkrete Beweise aufgrund der Aussage eines psychisch kranken Verleumders, der sich selbst retten wollte, zu zweimal verschärfter lebenslanger Haft verurteilt. Der Fall ist nun beim Bezirksverwaltungsgericht anhängig.
Seit Ihrer Haftentlassung befinden Sie sich in Istanbul unter Hausarrest. Wie ist dort Ihre Situation?
Wegen angeblicher Fluchtgefahr stehe ich seit sieben Monaten unter Hausarrest. Ich übernachte in dem Haus in Kücük Armutlu, in dem die Grup-Yorum-Mitglieder Helin Bölek und Ibra­him Gökcek ein Todesfasten durchgeführt haben. Hausarrest zwingt einen dazu, den eigenen Wärter zu spielen. Das ist wie eine Fortsetzung der Folter. Rund um das Haus stehen gepanzerte Polizeifahrzeuge, und einmal kamen bewaffnete Polizisten ins Haus. Ich bin dort nicht in Sicherheit.
Und wie geht es Ihnen nach der Folter gesundheitlich?
Zuerst ging es mir sehr schlecht. Ich litt unter Muskelschwund, Gliederschmerzen, Kraftlosigkeit und niedrigen Blutwerten. Ich hatte Schwierigkeiten beim Sprechen und konnte mich nur sehr langsam bewegen. Lange Zeit war es so, als würde ich diese Folter immer und immer wieder erleben. Zur Zeit muss ich immer eine Erlaubnis vom Gericht und der Vollzugsaufsicht einholen, um zum Arzt zu gehen. Jetzt versuche ich zu Hause Übungen zu machen, die meinen Körper stärken.
Welche Solidarität erfahren Sie in dieser Situation?
Ich bekomme Unterstützung von einigen revolutionären, demokratischen Parlamentsabgeordneten. Allerdings scheuen sich Süßwasserlinke, die sich selbst Intellektuelle nennen, auch nur meinen Namen auszusprechen. Sie haben soviel Angst vor dem Staat, dass sie der Folter zusehen. Doch das bedeutet, mitschuldig zu sein.

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