»Troy Davis gab uns einen Auftrag«

Die Stiftung ethecon hat Ihnen soeben in Berlin den »Blue Planet Award« verliehen. Sie betonten bei dieser Gelegenheit, Ihre politische Arbeit sei immer sehr kollektiv gewesen. An wen denken Sie dabei?

Ich habe in den vergangenen 45 Jahren in zahlreichen Kollektiven gearbeitet, darunter sind natürlich die Kommunistische Partei, die Nationale Allianz gegen Rassismus und politische Repression, das Gesundheitskollektiv schwarzer Frauen sowie das Women of Colour Resource Center, das sich für die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte farbiger Mädchen und Frauen einsetzt. Dann wäre da auch noch die Initiative »Critical Resistance«, die sich mit dem gefängnisindustriellen Komplex in den USA beschäftigt und der Ausbeutung von Strafgefangenen ein Ende setzen will. In Australien habe ich Kontakt zu »Sisters Inside«, einer Organisation speziell für weibliche Gefangene. Ich habe mich nie nur als Individuum politisch engagiert.

Für deutsche Linke war nach 1990 die Hoffnung auf Alternativen zum Kapitalismus in weite Ferne gerückt. Es war eine Phase der Stagnation und der Niedergeschlagenheit. Wie haben Sie diese Zeit in den USA erlebt?

Da gab es natürlich auch ernste Probleme. Aber jetzt sind viele begeistert über das Aufkommen der »Occupy«-Bewegung, weil sie demonstriert, daß es sehr wohl die Möglichkeit gibt, eine radikale antikapitalistische Bewegung für das 21. Jahrhundert aufzubauen.

Waren Sie überrascht, als diese Bewegung aufkam?

Einerseits ja, andererseits hatte ich auf so eine Bewegung gehofft. Die Kritik an der Obama-Regierung hatte sich fast drei Jahre angestaut. Daß er überhaupt gewählt wurde, war ja schon ein Ausdruck des Wunsches nach sozialen Veränderungen, der sich nicht erfüllt hat. Die jungen Leute, die ihn gewählt haben, hatten Erwartungen an ihn. Folgerichtig machen sie jetzt Druck auf der Straße.

Haben sie auch alte Bekannte aus linken Kreisen, die große Hoffnungen mit Barack Obama verbunden haben und jetzt enttäuscht sind?

Natürlich! Fast jeder ist enttäuscht. Aber ich denke, es lag in unserer Verantwortung, von Anfang an deutlich zu machen, daß ein Präsident der USA mit ihrem Zweiparteiensystem gar nicht in der Lage ist, der Masse der arbeitenden Bevölkerung gerecht zu werden.

Sie engagieren sich seit langem gegen die Todesstrafe. Welche Chancen sehen Sie, deren Abschaffung in den USA durchzusetzen?

Seit der Hinrichtung von Troy Davis in Georgia, die stattfand, obwohl Belastungszeugen ihre Aussagen widerrufen hatten und zahlreiche prominente und nichtprominente Menschen dagegen protestierten, hat sich die Situation geändert. Mit dem Tod von Troy Davis wurde zugleich der Grundstein für eine sehr große Bewegung gegen die Todesstrafe gelegt. Es ist ein zäher Kampf, aber wir sind jetzt in einer besseren Position.

Als Sie selbst von der Todesstrafe bedroht waren, weil man Ihnen als politischer Aktivistin einen Mord anhängen wollte, gab es in der DDR eine großangelegte Solidaritätskampagne. Nun existiert dieser Staat seit über 20 Jahren nicht mehr. Was ist heute Ihr Eindruck von Deutschland – verfolgen Sie die Nachrichten über deutsche Politik?

Ja, ich versuche, das regelmäßig zu tun. Und immer, wenn ich in Deutschland bin, treffe ich Menschen, die Schulkinder waren und sich an dieser Kampagne beteiligten: »Eine Million Rosen für Angela Davis«. Sie erzählen mir, wie prägend es für ihre Entwicklung war, daß sie dadurch erkannt haben, wie wichtig internationale Solidarität ist.

Am Freitag abend haben Sie lange mit den Berliner »Occupy«- Aktivisten im Regierungsviertel an der Spree diskutiert. Es sind nicht so viele wie mancherorts in den USA. Wie schätzen Sie die Bewegung hier ein?

Weder in Deutschland noch in den USA besteht diese Bewegung nur aus den Aktivisten, die ihre Zelte an öffentlichen Plätzen aufschlagen, sondern überall auch aus den vielen, die damit sympathisieren und über kurz oder lang aktiv werden. In Oakland waren die Proteste gegen die brutale polizeiliche Räumung des »Occupy«-Camps auch um ein Vielfaches größer als das Camp selbst.

Prof. Angela Davis (geb. 1944) ist Philosophin, Autorin und Bürgerrechtlerin. 1971 wurde die afroamerkanische Kommunistin durch eine inszenierte Mordanklage weltweit bekannt

Interview: Claudia Wangerin

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