„Todesnacht in Stammheim“ von Helge Lehmann

Aus dem Vorwort: „Auf Veranlassung des damaligen Bonner Krisenstabes verschickte die Deutsche Presseagentur am 18. Oktober 1977, um 8.53 Uhr folgende Eilmeldung: »baader und ensslin haben selbstmord begangen.« Diese Mitteilung über den Tod von RAF-Häftlingen im Hochsicherheitsbereich der JVA Stuttgart-Stammheim legte noch vor Beginn der kriminaltechnischen und gerichtsmedizinischen Ermittlungen die Richtung fest, der die Ermittler und die meisten Medien folgten. Der »kollektive Selbstmord der Häftlinge« scheint demnach bis heute die in Stein gemeißelte Wahrheit über die damaligen Ereignisse zu sein.

Dieses Buch stellt die offizielle Darstellung auf den Prüfstand. Nach jahrelanger Recherche aller zugänglichen Materialien, Auswertung neuer, da erstmals freigegebener, Dokumente sowie mit Hilfe praktischer Versuchsaufbauten entwickelte der Autor eine Art Indizienprozess. Er kommt dabei einer Vielzahl von Unterlassungen, Mängeln und einander widersprechenden Schlussfolgerungen in den amtlichen Untersuchungen auf die Spur. Konnten Anwälte Waffen und Sprengstoff in das »sicherste Gefängnis der Welt« schmuggeln? Hatten die Gefangenen ein funktionierendes Kommunikationssystem? Entsprachen die Obduktionsergebnisse und Tatortermittlungen dem damaligen Stand der Wissenschaft, sind sie umfassend und in sich widerspruchsfrei? Welche Rolle spielten Kronzeugen für die Ermittlungsrichtung? Waren die Waffen- und Sprengstoffverstecke so möglich wie dargestellt? Was hatte es mit den in jener Nacht im Gefängnishof beobachteten Autos auf sich? Dies sind nur einige der Fragen, denen in dieser Untersuchung akribisch nachgegangen wird.“

Auf 240 Seiten, 765 Fußnoten einschließlich Dokumenten-CD gelingt es dem Autor Helge Lehmann, die staatlich verordnete Selbstmordtheorie, die besagt, in der Nacht zum 18. Oktober 1977 hätten sich die Gefangenen aus der RAF, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe selbst  getötet und Irmgard Möller sich selbst schwer verletzt, mit Bravour zu widerlegen.

Helge  ist 1964 geboren, IT-Spezialist, Betriebsrat und Mitglied der Linkspartei. Er selbst war unpolitisch und ist per Zufall über Stefan Austs Buch „Baader-Meinhof – Komplex“  2006 auf diese Thematik gestoßen.

Der Autor hat  seit 2007 bisherige gesperrte Akten ausgewertet, allerdings waren ihm nicht alle zugänglich, denn wesentliche amtliche Bestände  werden  auch noch heute, nach 33 Jahren, aus Gründen der  „Sicherheit der BRD“ dem Autor verwehrt.

Helge hat  also alles – ihm zur Verfügung stehende – Material sondiert sowie eigene Tests durchgeführt:
Er rekonstruierte die „Aktencontainer“,  die dem Waffenschmuggel gedient  haben sollen,
baute die angebliche Kommunikationsanlage nach, überprüfte die Möglichkeit eines Waffenversteckes im Plattenspieler von Andreas anhand eines baugleichen Modells, nahm Schussvergleiche zur Bestimmung von Schüssen in einem vergleichbaren Gebäude vor und präzisierte mit neuen Methoden die sehr wagen amtlichen Angaben über die Todeszeitpunkte von Andreas und Gudrun.
Helge belegt auch, dass nur der Kronzeuge Volker Speitel den angeblichen Waffenschmuggel stützt.
Speitel, der behauptet einer der Anwälte, Arndt Müller, hätte in präparierten Akten,  dafür gesorgt, dass die Waffen und andere Gegenstände über die Mehrzweckgebäude  in die Zellen von Andreas und Jan gelangten. Damit ist Speitel nicht nur der Hauptzeuge für diese Selbtmordtheorie, sondern sorgte durch seine Lügen auch dafür, dass neben Arndt Müller ein weiterer Anwalt, Armin Nerwerla, zu hohen Haftstrafen sowie Berufsverbot verurteilt worden sind. Der Kronzeuge selbst ist neben einer geringen Strafe mit einer neuen Identität  im Ausland und einer hohen Geldsumme für seinen Deal  belohnt worden.

 Gut ist auch, dass sich in dem Buch mit Karl-Heinz Dellwo auseinandergesetzt wird. Dellwo, ist einer der wenigen Ehemaligen   aus der RAF, die die Version eines Selbstmord der Stammheimer Gefangenen vertreten. „K. H. Dellwo stützt sich u. a. auf die Aussagen des Kronzeugen Volker Speitel. Nur wurden von JuristInnen…. nachgewiesen, dass z. b. Waffen nicht in der behaupteten  Art und Weise  in die JVA Stammheim gelangten konnten. “ (Seite 145) 

Kritik

Gewisse Begrifflichkeiten würden wir nicht verwenden , einige Fakten sind  falsch und einige politische Bewertungen teilen wir nicht . Verena Becker und Rolf Heißler haben sich erst nach der Befreiung durch die Bewegung 2. Juni der RAF angeschlossen und nicht wie es in der Lektüre behauptet wurde, vorher.  Ob unbedingt die Aktion gegen den Generalbundesanwalt  im April 1977 als „Mord an S. Buback“ bezeichnet werden soll (Seite 194)?  Oder ob es darum geht, zu beweisen,  wer sich an den diversen Aktionen der RAF beteiligt hat. (ebenda)  Viele Mitglieder werden  als  „erste RAF-Generation“ oder „führende Köpfe“ bezeichnet. Die RAF verstand sich drinnen und draußen als Kollektiv und  hat bis zum Ende ihrer Existenz 1998  trotz vieler Verhaftungen und Toten weiter agieren können. Die RAF „war nicht im Kern gescheitert“ 1977 (Seite 197), sondern organisierte sich danach  neu (Frontkonzept von Mai 1982). Die RAF  war deshalb bis Ende der achtziger Jahre durch politische und militante Aktionen ein bedeutender Faktor im In- und Ausland. 

  Wer Authentisches über die Guerilla erfahren will, sollte sich das Buch von Irmgard Möller „RAF- das war für mich Befreiung“ besorgen. Oder  auf die Seiten  labourhistory.net und  nullaefinito.jimdo.com schauen.
Trotz dieser Einwände,  reiht sich Helges Buch in die Arbeiten von& nbsp; den Anwälten Bakker-Shut „Stammheim“ und Karl-Heinz Weidenhammers  „Selbstmord oder Mord“ ein, die sich ebenfalls gegen diese in „Stein gemeißelte Wahrheit“  des Staates vor 30 Jahren gewendet hatten. Allerdings sagt Lehmann  nur, so kann es nicht gewesen sein, wie es die offiziellen Stellen seit 33 Jahren vertreten, er behauptet nicht, das es Fremdtötung gewesen ist. Er meinte sinngemäß, ein Urteil sollen sich die LeserInnen selbst bilden.

 „Todesnacht in Stammheim“
Eine Untersuchung
Indizienprozess gegen die staatsoffizielle Darstellung und das Todesermittlungsverfahren
von Helge Lehmann
Pahl-Rugenstein
€ 19,90

Red.

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