USA: Todestraktgefangener bald frei?

USA: Todestraktgefangener bald frei?

Vor wenigen Tagen entschied eine Richterin in Philadelphia, dass der Afroamerikaner Jimmy Dennis 1992 ohne überzeugende Beweise zum Tode verurteilt wurde und hob das Urteil auf. Er ist seit 1992 im Todestrakt. Entweder muss nun innerhalb von sechs Monaten ein erneutes Verfahren durchgeführt werden, oder der Gefangene entlassen werden.

Der Alptraum begann für den Gospel Musiker Jimmy Dennis vor über 21 Jahren, als er im USA Bundesstaat Pennsylvania verhaftet und des Mordes an Chedell Williams beschuldigt wurde. Chedell Williams war Opfer eines brutalen Raubmordes in der Fern Rock U-Bahn Station von Philadelphia geworden. Die Teenagerin hatte sehr teure Ohrringe getragen und war von zwei bis heute unbekannten Männern niedergeschossen worden, die mit ihren Ohrringen und einem dritten Komplizen in einem Auto entkamen.

Die Öffentlichkeit war über diesen Raubmord im Nahverkehr am helllichten Tage sehr empört und Philadelphias Polizei stand unter enormen Druck, diesen Fall schnell zu lösen. Dabei gaben sie sich aber kaum große Mühe, sondern verhafteten und beschuldigten Jimmy Dennis, obwohl er kein materielles Motiv für einen Raubmord hatte (seine Band stand damals kurz vor einem lukrativen Plattenvertrag). Es gab überhaupt keine forensischen Beweise gegen Dennis, keine Tatwaffe und auch sehr widersprüchliche Zeugenaussagen. Mehrere Zeug*innen schlossen ihn ausdrücklich als Beteiligten aus, da er völlig anders aussah als die beiden geflüchteten Täter.

Jimmy Dennis hatte einen Pflichtverteidiger, der sich keinerlei Mühe gab, seinen Mandanten zu verteidigen. Auch der Vorsitzende Richter schien genau wie auch der Staatsanwalt kein Interesse an der Aufklärung des Mordes an Chedell Williams zu haben. Die juristischen Ungereimtheiten sind zahlreich (1) und traten trotz allem auch im Verfahren deutlich ins Bewußtsein. Auf die mangelnden Beweise angesprochen erklärte der Richter der Jury, dass es hier nicht um „Gewicht, ethnische Zugehörigkeit und Körpergröße, sondern vielmehr um das Recht, öffentlichen Nahverkehr zu benutzen“ ginge. Die Jury brauchte nach dieser „rechtlichen Unterweisung“ nur wenige Stunden, um mit einem Schuldspruch aufzuwarten, der dann die Grundlage für das Todesurteil bildete.

In den folgenden Jahren machte Jimmy Dennis ähnliche Erfahrungen wie so viele andere junge, afroamerikanische Männer vor ihm. Die meiste Zeit verbrachte er unter Isolationsbedingungen im SCI Greene, wo er auch den inhaftierten Journalisten Mumia Abu-Jamal oder Harold Wilson kennen lernte, die ebenfalls für nicht bewiesene Morde in Philadelphia verurteilt worden waren. Im SCI Greene wehren sich ähnlich wie überall unter den knapp 2,5 Millionen Gefangenen in den USA viele auf juristischem Wege. „Jailhouse Lawyers“ (2), Gefangene, die sich und andere juristisch vertreten, kämpfen gegen den institutionellen Rassismus und die Klassenjustiz, die weit über den Bundesstaat Pennsylvania hinaus praktiziert werden. Harold Wilson konnte mit Hilfe von seinen mitgefangenen Jailhouse Lawyern (Jailhouse Lawyers – Gefangenenanwälte) ein neues Verfahren durchsetzen und kam 2005 nach knapp 18 Jahren frei (3).

Jimmy Dennis ist von Anfang an von seiner Familie und Freund*innen unterstützt worden. Als religiöser Mensch entwickelte seine Gemeinde starkes Engagement für seine Freilassung. Auch Mitgefangene setzten sich für ihn ein (4). Mit starker Unterstützung und Spenden aus aller Welt konnte ein Verteidigungsteam aufgebaut werden, dass in den vergangenen Jahren den Widersprüchen ausführlich  nachging und im Februar 2013 einen Antrag auf ein neues Verfahren einreichte. Anders als in so vielen ähnlich gelagerten Fällen fand Dennis nun eine Richterin, die sich inhaltlich und ernsthaft mit den ungeklärten Fragen in seinem Verfahren auseinander setzte und den Mut hat, das Todesurteil aufzuheben.

Schauspielerin Susan Sarandon war eine der ersten, die Jimmy Dennis ihre Glückwünsche übermittelte: „Ich freue mich sehr für Jimmy Dennis, seine Familie und die Unterstützer*innen, welche alle für diesen Tag gearbeitet und gebetet haben. „

Innerhalb von 30 Tagen muss die Bezirksstaatsanwaltschaft Philadelphias unter der Leitung von Seth Williams nun entscheiden, ob sie Widerspruch einlegt und einen neuen Prozess führen wird oder aber der Freilassung von Jimmy Dennis zustimmen wird. Nach Meinung von Beobachter*innen hat sie formal keine Chance, eine erneute Verurteilung zu erreichen, da es keine Beweise für eine Tatschuld des Angeklagten gibt.

Andererseits ist auch hier nicht zwingend von einer Freilassung auszugehen. In der US Justiz ist bekannt, dass neben Mumia Abu-Jamal, in dessen Fall die Lage ähnlich ist, Hunderttausende anderer ohne Tatbeweise in US Gefängnissen und einer Multi-Milliarden Dollar Industrie als Zwangsarbeiter*innen festgehalten werden.

Sollte Jimmy Dennis in naher Zukunft nach über 21 Jahren Haft freigelassen werden, hat der Bundesstaat Pennsylvania allerdings noch eine weitere Überraschung parat: seit mehreren Jahren hat er sich selbst per Gesetz von jeglicher Haftentschädigung bei Fehlurteilen entbunden. Harold Wilson erhielt bei seiner Entlassung aus dem gleichen Todestrakt nach knapp 18 Jahren Haft trotz erwiesener Unschuld ganze 67 Cent für ein Telefongespräch und eine Busfahrkarte…

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(1) Freiheit für Jimmy Dennis

http://www.mumia-hoerbuch.de/postamt/Jimmy%20Dennis.pdf 

(2) „Jailhouse Lawyers – Knastanwälte

Strafgefangene im Kampf gegen die Vereinigten Staaten von Amerika“

Mumia Abu-Jamal, 2013 Unrast Verlag

http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/jailhouse-lawyers-knastanwaelte-395-detail  

(3) Harold Wilson spricht über die Todesstrafe vor der US Botschaft in Berlin (2012)

Video Teil 1 http://www.youtube.com/watch?v=TEPZ7CkzP_s 

Video Teil 2 http://www.youtube.com/watch?v=l_oU0xgtnbs 

(4) Mumia Abu-Jamal: Free Jimmy Dennis! (1999)

http://ccadp.org/shorty.htm 

 


Jimmy Dennis hat am 28.08. Geburtstag. Die Entscheidung der Richertin war sicher das schönste Geschenk. Falls ihr im eine Geburtstagskarte schicken möchtet, würde er sich bestimmt sehr freuen.

Jimmy Dennis BY7796

SCI at Greene

175 Progress Drive

Waynesburg, PA, 15370-8090

USA

Die Richterin bringt es in ihrer juristischen Begründung auf den Punkt: Korruption und Manipulation, Unterdrückung von entlastenden Beweisen usw:

http://blogs.phillymag.com/the_philly_post/2013/08/22/james-dennis-murder-conviction-overturned-21-years-read-judges-ruling/

Aktuelle Medien Berichte über Jimmy Dennis aus Philadelphia:

Citing ‚miscarriage of justice,‘ judge overturns murder conviction (August 23, 2013)

http://articles.philly.com/2013-08-23/news/41437633_1_james-dennis-wednesday-night-brody

n

Philadelphia man on death row for 21 years wins new trial (August 21, 2013)

http://abclocal.go.com/wpvi/story?section=news%2Flocal&;id=9214764&rss=rss-wpvi-article-9214764

Unterstützer*innen Webseite

http://www.jimmydennis.org

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