In der Zeit vom 27. Juni bis zum 4. Juli 1976 entführte ein Kommando der PFLP [Volksfront zur Befreiung Palästinas] durch einen Überraschungscoup ein von Tel Aviv gestartetes Flugzeug der französischen Air France mit etwa über 250 Passagieren und der Bordbesatzung nach Entebbe/ Uganda. Daran waren auch die beiden westdeutschen Guerillas Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann beteiligt, die zu den Aktivisten der Organisation Revolutionäre Zellen gerechnet wurden. In der Nacht auf den 4. Juli stürmte dann eine Einheit der die Israel Defense Forces (IDF) in einem weiteren Überraschungscoup den Flughafen Entebbe, erschoss eine unbekannte Zahl ugandischer Soldaten und Luftpiraten, sowie zwei Geiseln und befreite an die 100 andere noch verbliebene Geiseln. Nach Angaben des israelischen Chief in Staff Mordechai Gur habe die gesamte Operation in Uganda 53 Minuten gedauert.
Ein paar Tage nach dem Ende der Flugzeugentführung am 4. Juli 1976 sollten dann die ersten beiden Bücher zu Entebbe publiziert werden: Das erste erschien in Israel, das zweite unmittelbar danach in den USA. Eines davon erschien unter Einbeziehung des ersten dann im September 1976 auf Deutsch. Doch der Reihe nach.
Gerade einmal acht Tage nach der Befreiung der Geiseln in Entebbe brachte der in Jerusalem ansässige Verlag Keter-Press das Buch von Uri Dan unter dem Titel Operation Uganda mit einem Umfang von 166 Seiten heraus. Dan arbeitete als Militärkorrespondent der israelischen Tageszeitung Maariw und soll Ende 1969 an der vom Mossad durchgeführten spektakulären Entführung von mehreren französischen Schnellbooten aus Cherbourg nach Israel beteiligt gewesen sein. Allemal konnte Dan, der später zu einem der wichtigsten politischen Berater von Ariel Sharon aufsteigen sollte, in seiner Stellung als Militärkorrespondent als ein kenntnisreicher Mitarbeiter der israelischen Sicherheitsbehörden gelten. [Vgl. E. Follath, Das Auge Davids … Hamburg 1980]
Von der Produktionsgeschwindigkeit des Dan-Buches war ein Rezensent so verblüfft, dass er dazu knapp vermerkte: „Tempo halten, Kollege!“ [Jerusalem Post v. 20.7.1976] Schon nach diesem „quickie book“ bemerkte ein Bericht der Washington Post über die Nachrichtensituation nach dem Raid aufmerksam, dass sich Israel in seinen Legenden sonne, und sich bei der Darstellung des Geschehens in Entebbe Fakten und Fiktionen unwiderruflich vermischt hätten. (WP v. 18.7.1976)
Das Publikationstempo wurde gehalten: Am 25. Juli – d.h. gerade einmal 21 Tage nach dem Ende des Aktes der Luftpiraterie nach Entebbe durch die IDF – erschien das nächste Buch. Sein Titel: 90 Minuten in Entebbe. Es wurde durch den in New York ansässigen Verlag Bantam Books in einer Auflage von 330.00 Exemplaren in einem Umfang von 220 Seiten mit einem günstigen Preis in Höhe von 1.95 $ der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein Bericht von dpa informierte darüber das „soeben“ in den USA „über die Blitzaktion auf dem Flughafen in Uganda“ erschienene Buch habe „Autoren, Journalisten und Filmregisseure der westlichen Welt“ dazu inspiriert, „die Story von der spektakulären israelischen Aktion zur Rettung der Geiseln von Entebbe zu Geld zu machen“ (FAZ v. 28.7.1976)
Als Autor dieses Buches firmierte der kanadische Journalist William Stevenson. Nach Presseberichten soll Stevenson für das Entebbe-Buch am 6. Juli nach Tel Aviv geflogen und sich dort in ein Luxus-Hotel eingemietet haben. Er habe dann zu recherchieren und zu schreiben begonnen, wobei sich für ihn seine „Kontakte und Freundschaften zu israelischen Persönlichkeiten“ aus den vergangenen Jahren als nützlich erwiesen hätten. [American Israelite v. 19.8.1976] Stevenson gab dabei an, sowohl mit hochrangigen Kabinettsmitgliedern als auch mit neun an der Aktion in Entebbe beteiligten Soldaten gesprochen zu haben. Mit Uri Dan habe er dann auch angefangen zusammenzuarbeiten. Das Manuskript des Buches sei dann in elf Tagen fertiggestellt geworden. Wirklich in elf Tagen? Dem Verfasser Stevenson soll aus dem Stand, d.h. ohne nur den Hauch einer Vorbereitung, die Verfertigung eines druckfähigen Manuskriptes für ein etwa 220 Druckseiten umfassendes Buch in dieser kurzen Zeit gelungen sein. Inklusive von Recherchen in Form von aufwendigen Gesprächen mit mehr als zehn am komplexen wie dramatischen Geschehen beteiligten Personen der Zeitgeschichte? Und dann will er das auch noch am Ende pro Arbeitstag auf 20 druckfähigen Seiten niedergeschrieben haben? Von einer solchen Publikationsleistung auf einem unglaublich hohen Produktivkraftniveau darf man sich wahrlich beeindrucken lassen, man kann es aber auch mit Humor nehmen. Ganz so wie es zeitgenössisch der Volksmund in Israel tat. Und der wusste an der Dignität des Werkes 90 Minuten in Entebbe eine auch heute noch inspirierende Quellenkritik zu formulieren: „In Israel geht der Witz um, die Aktion [in Uganda] habe 53 Minuten gedauert, die übrigen 37 Minuten hätten die Autoren gebraucht, dieses Buch zu schreiben.“ (SPIEGEL Nr. 44 v. 25.10.1976)
So oder so: Für die Erstellung dieses Manuskript muss es einen Großeinsatz vieler nicht genannter Helfer gegeben haben. Ein Rezensent gebrauchte hier die beziehungsreiche Formulierung, dass dieses Buchprojekt „offenkundig von der Kooperation mit den israelischen Behörden profitierte.“ [Guardian v. 29.7.1976]
Beigeschmack von „Kommerzialismus“
Gewissermaßen wohl auch dafür haben sich die beiden mutmaßlichen Autoren Stevenson und Dan bei ihren ungenannten Unterstützern insoweit revanchiert, als dass sie aus ihrem politischen Standpunkt zu dem israelischen Militärschlag in Uganda keinen Hehl machen. Sie stellen unmissverständlich klar, dass für sie der „Triumph von Entebbe“ beweise, „dass es noch Männer und Frauen gibt, die den Mut zum Zurückschlagen haben“ so die Autoren in einem unbefangen verwendeten militaristischen Sprachduktus. [Stevenson/ Dan, S. 14] Kurz: Dem vorliegenden Werk wird kein Unrecht getan, es als eine Art Kampf- und Rechtfertigungsschrift aus der Perspektive der aus der in der Entebbe-Causa in spezifischer Weise siegreich hervorgegangenen israelischen Regierung zu interpretieren.
Fünf Tage nach dem Erscheinen von 90 Minuten in Entebbe rechnete der Rezensent der New York Times Paul Grimes den „eilig veröffentlichten Taschenbuchbericht über die Operation“ zu dem „Nachglanz des militärischen Triumphs“ der jedoch, so Grimes weiter „einen zweifelhaften Beigeschmack von Kommerzialismus angenommen“ habe: „Bantam Books teilt uns stolz mit, dass Stevensons Buch der erste in Buchlänge verfasste Bericht ist, der in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, obwohl wesentliches Material vom Autor eines zwei Wochen zuvor in Israel erschienenen Buches stammte. An anderer Stelle erfahren wir, dass mindestens sechs amerikanische Filmemacher Filme über den Überfall planen und dass einer von ihnen, Paramount, die Filmrechte an Stevensons Buch erworben“ hat. Grimes hob in der Besprechung zwar hervor, dass Stevenson „ein erfahrener Reporter und Geschichtenerzähler“ sei, gleichwohl sei dieses Buch „vielleicht zu schnell veröffentlicht [worden], um leicht lesbar und vollkommen glaubwürdig zu sein.“ Auch wenn es „einige Informationen [enthält], die offenbar noch nicht veröffentlicht wurden […] scheint Herr Stevenson jedoch all die verschiedenen angeblichen Details der Entführung und der Rettungsaktion, die zuvor in Zeitungen und Zeitschriften weltweit veröffentlicht worden waren, zusammengeschnitten und eingefügt zu haben. Offenbar wurden einige eigene Berichte hinzugefügt, doch lässt sich nur schwer feststellen, in welchem Umfang. Vom Leser wird unterdessen erwartet, dass er alles glaubt, doch bei einigen angeblichen Fakten mangelt es eklatant an Quellenangaben und Belegen.“ Kurz, so Grimes dann leicht ernüchtert von der Lektüre: „Mr. Stevensons Bericht springt hin und her zwischen dem, was mit den Geiseln geschieht, und dem, was in Israel geschieht. Oft machen die Übergänge und das Einfügen unvereinbarer Informationen das Verständnis schwierig.“ [NYT v. 30.7.1976]
Diese außerordentlich distanzierte Besprechung tat aber dem von Grimes deutlich angesprochenen Punkt des durch dieses Instant-Buches realisierten „Kommerzialismus“ keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Außerhalb des Ostblocks wurde das unter den Namen von Stevenson und Dan zusammengeschnittene Buch umgehend in eine Reihe von Weltsprachen übersetzt. In der Bundesrepublik erwarb der Ullstein-Verlag aus dem Springer-Imperium die Rechte daran. Für die Zeit zwischen dem 14. – 27. August 1976 erschien ein wesentlicher Teil daraus als Vorabdruck in 12 Folgen in der Tageszeitung WELT, bevor es ab dem 16. September für 14,80 DM im Buchhandel erhältlich war.
„Dienstag, 19.10 Uhr: ‚Juden heraustreten’“?
Dabei wurde „der Kanadier“ William Stevenson in der ersten Folge der Serie in der WELT als „ein international anerkannter Kriegsberichterstatter und ehemaliger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes“ sowie als ein „hervorragender Kenner Israels“ vorgestellt. Die Redaktion behauptete dann wohl aus Gründen der Public Relation, dass sein Buch „über die Rettungsaktion von Entebbe [die] erste vollständige Chronik“ sein soll. Immerhin wird hier aber diese Aussage leicht einschränkend vermerkt, dass Stevenson dafür von dem „israelische[n] Journalist Uri Dan umfangreiches Material zur Verfügung“ gestellt worden sei. [WELT v. 14.8.1976]
Die zweite Folge in der WELT wird mit der Überschrift „Dienstag 19.10 Uhr: `Juden heraustreten´“ aufgemacht. Wenn man dann den Text nach dem besagten markanten Zitat absucht, landet man im Nirgendwo. Denkbar hier, dass die zur Bearbeitung der 90 Minuten in Entebbe – Serie abgestellten unbekannten lohnabhängigen Zeitungsredakteure sich diese Überschrift mit Blick auf einen Tagebucheintrag des Medizinstudenten und der Geisel Moshe Peretz vom Dienstag, den 29. Juni, 19.10 Uhr ausgedacht haben. Darin steht zu lesen:
„Die Terroristen trennen uns von den andern. Das war eine dramatische Szene: Jeder Inhaber eines israelischen Passes muss die Haupthalle verlassen und in einen Nebenraum gehen. Die Frauen weinen. Es ist wie bei einer Hinrichtung. Die Terroristen durchsuchten eilig das Handgepäck; sie finden zwei Hefte über den Yom-Kippur-Krieg und blättern sie entzückt durch, vor den Augen der Israelis. Wir gehen nach nebenan. Quer über den Eingang haben sie ein Brett gelegt und den restlichen Raum noch einmal unterteilt, so daß wir uns gebückt in den Nebenraum durchdrücken müssen. Wer zwei Staatsangehörigkeiten hat, muss auch hier herein.“ [WELT vom 16.8.1976]
Richtig gelesen: Das in der Überschrift der WELT genannte Zitat um „19.10 Uhr“ findet sich weder in diesem Beitrag der Serie noch später in dem Buch, wobei dort noch zu diesem diesbezüglichen Tagebucheintrag der Satz „Inzwischen haben sie Fotoapparate und persönliche Sachen beschlagnahmt“ zu lesen steht. [Stevenson/Dan, S. 38]
Es ist eine gute Frage, wie die als Zitat erfundene Überschrift zu dem Tagebucheintrag von Peretz in das Springer-Blatt hineingerutscht ist. Bringt man hier die von dem zuweilen als „renommiert“ bezeichneten Antisemitismusforscher Klaus Holz in seinen Texten gern benutzte Methode einer „sinnverstehenden Hermeneutik“ in Anschlag, so könnte Folgendes denkbar sein: Auch unter dem Einfluss des über Jahrzehnte als engster Berater von Axel Springer firmierenden „Paul Carell“ alias Paul Karl Schmidt. [C. Plöger, Von Ribbentrop zu Springer… 2012] konnte sich die Redaktion der WELT die in Entebbe durch die Luftpiraten anhand von Pässen vollzogene Trennung von israelischen Staatsbürgern und nicht-israelischen lediglich als eine bloße Wiederkehr einer ihr selbst historisch gut vertrauten nationalsozialistisch-völkischen Selektionspraxis vorstellen. Eben diese Interpretation kann den Zitatfehler der WELT-Redaktion verständlich machen, was ihn gleichwohl – und das soll nun doch in aller Deutlichkeit gesagt werden – überhaupt nicht richtig macht.
Gefangene machen, aber keine benennen
Ohne Auslassungskennzeichen wurden von der WELT-Redaktion aus dem Entebbe-Buch die Passagen weggelassen, in der aus der von den Luftpiraten an die israelische Regierung übermittelten Freilassungsliste von 53 Gefangenen mit Erzbischof Hilarion Capucci, Kozo Okamoto, Fatma Barnawi, William George Nasser, Muzna Kamel und Nikola Samir Darwish die „bekanntesten der in Israel inhaftierten“ benannt wurden. [Stevenson / Dan, S. 31/32]
Diese Auslassung war seitens der WELT-Redaktion politisch auch deshalb zielführend, weil auf der besagten Freilassungsliste auch fünf Gefangene aus den Reihen der PFLP, darunter zwei Deutsche, die im Januar 1976 von den kenianischen Sicherheitsbehörden in Nairobi unter dem Vorwurf terroristischer Aktivitäten inhaftiert worden waren, verzeichnet waren. Sie waren kurz danach ohne Bestehen eines Auslieferungsabkommens an Israel ausgeliefert und in Geheimgefängnisse verbracht worden. Kurz: Zu dem Zeitpunkt des Aktes der Luftpiraterie befanden sich also die beiden westdeutschen linksradikalen Aktivistinnen Thomas Reuter und Brigitte Schulz in israelischer Haft, ohne dass bundesdeutsche Behörden zu diesem Zeitpunkt davon unterrichtet waren. Für die israelische Regierung musste es im Verlauf der Entführung mit Rücksicht auf die ebenfalls mit Flugzeugentführung konfrontierte Regierung in Bonn darum gehen, das nicht bekannt werden zu lassen. Nach Ansicht der Terrorismusforscher Dobson und Payne habe die Aufnahme dieser fünf Aktivisten in die Freilassungsliste der Luftpiraten bei dem kleinen Kreis der Verantwortlichen, die um die Existenz der Gekidnappten wussten, „einiges an Konfusion“ hervorgerufen. (C. Dobson / R. Payne: The Carlos Complex …London 1977) Vermutlich sah auch die WELT an der durch die Luftpiraten aufgeworfenen Gefangenenfrage keinen gesonderten Informations- geschweige denn Aufklärungsbedarf.
Geiseln sollen zuweilen auch nur „Soldaten“ sein …
Die vierte Folge macht mit der vom Inhalt her überraschenden Überschrift „Die israelischen Geiseln sind Soldaten an der Front“ auf. Der Untertitel informiert darüber, dass sich die israelische Regierung zwar „unter dem Druck der Erpresser von Entebbe zu Verhandlungen“ bereit erklärt habe, man jedoch „keinen Augenblick“ etwas aus den Augen verloren habe, was von Springer mit dem Begriff einer „ehrenwerte[n] Lösung“ bezeichnet wird: Der „offene Kampf [der israelischen Regierung] mit seinen Gegnern.“ Und hier gelte dann die „Parole von Verteidigungsminister Shimon Peres“ (WELT v. 18.8.1976)
Zwar findet sich der Begriff der „ehrenwerten Lösung“ weder in dem nachfolgenden Text noch in dem Entebbe-Buch, jedoch die dem israelischen Verteidigungsminister Shimon Peres zugeschriebene „Parole“. Unmittelbar vor der geplanten Militäraktion in Entebbe soll Peres in einer Ansprache vor den Einsatzkräften auch mit dem Blick auf die Möglichkeit einer Vielzahl von getöteten Geiseln unter anderem gesagt haben:
„Wenn wir über das Leben der Geiseln und die Gefahr sprechen, in der sie sich befinden, so halten Sie sich bitte vor Augen, daß diese Menschen für mich israelische Soldaten an der Front sind.“ (Auch: Stevenson /Dan, S. 57) In der englischen Fassung wird die Aussage von Peres hinsichtlich der Rolle der Geiseln in Bezug auf die anstehende Militäraktion noch einen Zacken direkter formuliert. „And when we discuss the lives of the hostages and the danger to their lives, I want you to know I regard them as if they were Israeli soldiers in a war.“
Was also die WELT hier mit dem mafiaaffinen Begriff der „ehrenwerten Lösung“ annonciert, war nichts anderes als die in Entebbe festsitzenden Geiseln mit den Worten von Shimon Peres einfach in „Soldaten“ umzubenennen. Warum? Noch der Tod eines Menschen in Uniform lässt sich natürlich immer leichter herleiten als der Tod eines / einer Zivilistin in einem politisch-militärischen Konflikt. „Das Glück der Geiseln war, daß sie zwar von Peres. nicht aber von den Entführern, in dieser Weise betrachtet wurden, “ kommentierte dazu einmal Knut Mellenthin vom Kommunistischen Bund in einer kenntnisreichen Interpretation des Ablaufs der Geschehnisse in Entebbe. (K. Mellenthin, 1988)
Über den Tod von drei Geiseln
Die Beschreibungen in der Folge neun über den Tod von drei Geiseln bei der Befreiung legen den Schluss nahe, dass zwei von den israelischen Einsatzkräften und eine Geisel von den Luftpiraten erschossen worden sind: „Als die ersten Schüsse fielen, ließen sich die meisten Geiseln platt auf den Boden fallen oder blieben auf ihren Matratzen. Jean-Jacques [Maimoni] stand instinktiv auf und wurde vom Feuerstoß einer Uzi voll getroffen. Sein Vater [Pasko Cohen] der die Todeslager überlebt hatte, versuchte ihn zu erreichen, und wurde selber lebensgefährlich verletzt.“ Pasko Cohen erlag später seinen Verletzungen. Über das Schicksal der 56-jährigen Ida Borovits heißt es, dass sie „von einem Querschläger getroffen“ wurde und stark blutete: „Ihr Sohn Boris Shlein sah mit eigenen Augen, wie ein Terrorist, vermutlich Jaber, sie erschoss, wenige Sekunden, ehe er selber getötet wurde.“ (WELT v. 24.8.1976)
Diese Beschreibungen stehen entgegen der Behauptung des israelischen Botschafters Chaim Herzog während der Debatte im UNO-Weltsicherheitsrat, in der er davon sprach, dass alle drei getöteten Geiseln von „den Terroristen erschossen“ worden seien. [Stevenson / Dan, S. 170] Sie sollte aber keine Aufnahme in der WELT-Serie finden.
Von heute aus bleibt noch eine Recherche im Arolsen Archives zu dem in Stevenson / Dan erwähnten Pasko Cohen, „ein 52 Jahre alter Direktor einer israelischen Krankenversicherung […] der die Nazi-Konzentrationslager überlebt hatte“, nachzutragen. Ob er tatsächlich in einem Nazi-Konzentrationslager leiden mußte, ist ungewiss, denn die Recherche ist „in den zur Verfügung stehenden Dokumentenbeständen […] negativ verlaufen“. [Suchauftrags-ID: 2026-04-30-38450 / Mail von i. A. Heike Müller, Reference Services Team, an den Verf. v. 20.5.2026]
Notizen: Gespräche einer Geisel mit einem Luftpiraten
In der vorletzten, der 11. Folge, wird das Finale der Serie wie folgt angekündigt: „Morgen in der WELT: Ein jüdisches Dokument: Gespräche einer Geisel mit dem deutschen Entführer Wilfried Böse – der Mordgehilfe, der sich `menschlich´“ gab.“ [WELT v. 26.8.1976]
In dem Buch von Stevenson /Dan finden sich eine Vielzahl von Aussagen von israelischen Geiseln zitiert. Aber welche davon unterscheiden sich nun dahingehend, sie dann auch zuweilen als ein „jüdisches Dokument“ zu qualifizieren sind? Und die anderen dann eben nicht? Es ist wirklich nicht ganz leicht, daraus so recht schlau zu werden. Gleichwohl: In dem Buch findet sich der Begriff „jüdisches Dokument“ nicht. Und Wilfried Böse wird darin auch nicht als „Mordgehilfe“ dämonisiert. In der Artikelfolge der WELT wird dann in der Überschrift eine „Jüdin Sara“ lediglich mit ihrem Vornamen als „Mutter, […] hübsche und unerschrockene junge Frau, die keine Gefahr fürchtet“ vorgestellt. Sie habe einige ihrer Tagebuchnotizen, „aus der Gefangenschaft in Entebbe“ mitgebracht, aus denen dann referiert wird. Sara Davidson notiert darin einige Gespräche mit dem Luftpiraten Wilfried Böse, um am Ende ihrer Überlegungen zu der Einsicht zu gelangen, sich von ihm und seinen Aussagen dem Grunde nach anhaltend getäuscht zu fühlen:
„Der Deutsche gab sich freundlich. Er verbarg seine Feindschaft. Er verstellte sich, um seine Opfer glauben zu machen, daß er es gut mit ihnen meine. Er war so freundlich, so ruhig, so leutselig. Nach der Unterhaltung mit ihm ertappte ich mich bei dem Gedanken: Ich glaube ihm! Er hat es geschafft, dich zu täuschen! Wenn er befohlen hätte, in die Richtung zu marschieren, wo seine Kollegen mit Maschinenpistolen standen, um uns niederzumähen – wir wären gegangen. Weil er sich lächelnd verstellen konnte. Er ließ keine Gelegenheit aus, uns zu trösten.“ [WELT v. 27.8.1976]
Bemerkenswerter Weise hängte die WELT an die letzte Folge der Serie noch einen Extra-Beitrag dran mit der Überschrift: „Der `nette´ Terrorist, der in Entebbe starb.“ Der Artikel zitiert dafür ohne Beleg die Aussage der schwedischen Stewardess Ann Carina Franking, die diesen kurz vor seiner Erschießung noch erlebt hatte: „Der Deutsche war sehr, sehr nett. Als die Schießerei begann, stammelte er: „Das habe ich nicht gewollt.“ [WELT v. 27.8.1976] Auch bei Stevenson/Dan findet sich das in der Tat nicht, aber dieses Zitat von Frau Franking lässt sich vollständig in einem Bericht des Magazins STERN nachlesen wo es wie folgt weitergeht:
„Als die Schießerei begann, stammelte er: `Das habe ich nicht gewollt´. Er hätte die Sache niemals mitgemacht, wenn er gewußt hätte, daß geschossen wird. Als er dies sagte, hatte er eine Handgranate in der Hand. Unsere Gruppe rief ihm zu, er solle sie zum Fenster hinauswerfen. Das tat er. Wir hörten, wie die Handgranate draußen explodierte und sahen, wie Böse zur gleichen Zeit von Schüssen getroffen wurde. Wir sind sicher, daß er sofort tot war.“ [STERN Nr. 29 v. 8.7.1976]
So oder so: Das Stevenson/Dan-Buch kann nun wirklich nicht als eine „erste vollständige Chronik“ der Ereignisse in Entebbe durchgehen, mit der es zu Beginn der Serie in der WELT großmäulig annonciert worden war. Eine Reihe von Leerstellen in Bezug auf das, was in Entebbe passiert sein könnte, ist ja bereits nach der ersten flüchtigen Lektüre offenkundig. In der in der New York Times zeitgenössisch veröffentlichten Besprechung war das auch völlig zutreffend vermerkt worden. Das besagte Buch sei einfach „zu schnell veröffentlicht“ worden, um „glaubwürdig zu sein.“ Der Umfang der von Stevenson und Dan weltweit aus Zeitungen und Zeitschriften zusammengeschnittenen und eingefügten „angeblichen Details der Entführung und der Rettungsaktion [lassen sich] nur schwer feststellen.“ Und dann werde auch noch vom Leser „erwartet, dass er alles glaubt, doch bei einigen angeblichen Fakten mangelt es eklatant an Quellenangaben und Belegen.“ [NYT v. 30.7.1976]
Keine Rezensionen, und auch sonst keine Zeit für die Lektüre
90 Minuten in Entebbe sollte auf dem deutschen Buchmarkt 36 lange Jahre, – d.h. bis 2012 – die einzige Publikation bleiben, die den Ort des Ereignisses im Titel trug. Im deutschsprachigen Raum konnten dazu keine Rezensionen entdeckt werden.
Gleichwohl: Eben dieses – so die Weisheit des israelischen Volksmundes – in „37 Minuten“ – zusammengeschnittene Buch sollte – man glaubt es kaum – sowohl einer respektablen Historikerin wie Annette Vowinckel [2004] als auch so kalt wie gewieft operierenden Staatsschutzintellektuellen wie Wolfang Kraushaar [2007] und Armin Pfahl-Traughber [2011] als zentrale Quelle dazu dienen, den Revolutionären Zellen, sprich: einer kleinen Gruppe der außerinstitutionellen Linken Westdeutschlands, manifesten Antisemitismus anzudichten. Da staunt man. Aber zugunsten der Genannten – und damit soll dieser Beitrag versöhnlich enden – hatten sie bei der Verfertigung ihrer Texte vermutlich auch aufgrund anderer bedeutender, und bei Kraushaar und Pfahl-Traughber sicher auch explizit politischer Verpflichtungen kaum Zeit dafür das Instantbuch 90 Minuten in Entebbe sorgfältig zu lesen. Daran war ja auch schon die Redaktion der Tageszeitung WELT im August des Jahres 1976 gescheitert. Und insofern stehen sie mit ihrem Scheitern in einer langen historischen Linie nicht allein.
Markus Mohr
Zum Weiterlesen:
William Stevenson with material from Uri Dan: 90 Minutes at Entebbe / The first full inside story of Operation Thunderbolt, the spectacular Israel strike against terrorism, New York, 25. Juli 1976
Christopher Dobson / Ronald Payne: The Carlos Complex: a Study in Terror, London 1977
Erich Follath, Das Auge Davids / Die geheimen Kommandounternehmen der Israelis, Hamburg, 1980
Knut Mellenthin (KB) Zionismus ist die Theorie, Gaza und Westbank sind die Praxis / Anmerkungen zum Papier der Freiburger ISF, Antizionismus – Ein neuer Antisemitismus von Links; in: Redaktion Arbeiterkampf, Deutsche Linke zwischen Israel und Palästina, Hamburg Juni 1988, S. 68 – 74
Christian Plöger, Von Ribbentrop zu Springer: Der NS-Propagandist und überzeugte Antisemit Paul Karl Schmidt alias Paul Carell im engsten Umfeld des Verlegers, in: Fritz Backhaus, ua. Bild dir dein Volk / Axel Springer und die Juden, Göttingen, 2012, S. 65 – 71
