Den Rasen betreten. Ulm5

Sie haben nicht geschwiegen. Sie haben es nicht hingenommen. Sie haben sich nicht der Ohnmacht ausgeliefert.

Am 8. September 2025 waren fünf Menschen in Ulm beim israelischen Rüstungsunternehmen Elbit Systems eingebrochen und sollen dabei einen Millionenschaden angerichtet haben. Sie filmten ihre Aktion und ließen sich festnehmen:

„Laut Anklage liegt eine antisemitische Motivation nahe, da an eine Hausfassade „Baby Killers“ gesprüht wurde. Neben Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch wird den Angeklagten zur Last gelegt, Mitglieder in einer kriminellen Vereinigung zu sein. Sie sollen der Organisation „Palestine Action Germany“ angehören.“ (taz. de vom 27. April 2026)

Welche Anklage absurd, welche substanziell ist, wird seit dem 27. April 2026 vor dem Landgericht Stuttgart, im Hochsicherheitsgebäude Stuttgart-Stammheim, verhandelt.

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Sie haben etwas dagegen getan, dass ein Genozid in Gaza/Palästina von der aktuellen Bundesregierung geleugnet wird.

Sie haben etwas dagegen getan, dass diese aktuelle Bundesregierung diesen Genozid finanziell, politisch, diplomatisch und militärisch unterstützt und mit ermöglicht.

Sie haben etwas dagegen getan, dass die Kriminalisierung und Einschüchterung von Menschen, die einen Genozid nicht gut finden, nicht das letzte Wort ist.

Sie haben etwas dagegen getan, dass die israelische Waffenfirma „Elbit System“ nicht ungestört u.a. in Ulm Waffen produzieren kann, damit die Kriege gegen den Libanon, gegen Syrien, gegen den Iran nicht aufhören.

Sie haben einen Schaden angerichtet, damit der „Schaden“ sichtbar wird, der mit Besatzung, Kriegsverbrechen, Völkermord und Folter einhergeht.

Sie haben es getan, auf diese Weise, weil so viele nichts tun.

„Man kann nur noch von den Minderheiten aus denken. Gedacht wird nur noch an den Rändern, denn Bewegung gibt es nur noch von den Rändern aus. Man muss wie Kafka vom Punkt derjenigen aus denken, die selektiert werden. Was schreit, sind nur noch die Minderheiten. Die Mehrheit hat Autos und hupt allenfalls, bevor sie eine Minderheit auf offener Straße überfährt.“ (Heiner Müller, Jenseits der Nation: 54; vgl. 40. Vgl.: Gesammelte Irrtümer I: 80, 149)

Auch wenn die 1968er-Bewegungen heute zum staatlichen Kulturerbe zählen, weil man sie gerne mit etwas brüstet, was heute nicht mehr weh tun kann, so waren sie allesamt eine „kleine radikale Minderheit“, die den ganzen Hass der deutschen Regierungen und der „schweigenden Mehrheit“ auf sich gezogen haben.

Der Schriftsteller Peter Weiss, Autor eines der besten Bücher, die ich gelesen habe: „Die Ästhetik des Widerstands” (1972), hat dieses Phänomen bereits in den 1970er Jahren auf den Punkt gebracht. Damals waren es die Vietnam-Proteste gegen den mörderischen Krieg der USA gegen Vietnam. Die deutsche Regierung zeigte große Geduld für diese Massenmorde und die Kriegsverbrechen. Damals wurden in elf Jahren zwischen zwei und fünf Millionen Vietnamesen von der US-Armee ermordet.

Die Proteste gegen diese US-Kriegsverbrechen erreichten auch Deutschland. Sie wurden zu einem wesentlichen Katalysator der „68er-Bewegung“. Denn die heutige Ampelregierung (schwarz-rot) war damals die „Große Koalition“ (CDU/CSU-SPD).

Der Schriftsteller Peter Weiss hat das erstickende Schweigen, die schrille Empörung über die Unruhestifter und die notwendige Konsequenz in ein fantastisches Bild übersetzt:

„Als wir gegen den Vietnam-Krieg protestierten, ignorierten man unsere Kritik. Wir mussten erst den Rasen betreten, damit über diesen Krieg gesprochen werden kann.“

Wolf Wetzel

Quellen und Hinweise:

Info-Kanal: https://ulm5.info/de/

Prozessauftakt gegen Palästina-Gruppe, „Wir unterbrechen für 20 Minuten. Nein, zwei Stunden.“ Taz vom 27. April 2026: https://taz.de/Prozessauftakt-gegen-Palaestina-Gruppe/!6174367/