Identität der Opfer von Pariser Anschlag

Identität der Opfer von Pariser Anschlag

Nach den Schüssen auf ein kurdisches Gesellschaftszentrum mit drei Toten und ebenso vielen Verletzten in Paris ist die Identität der Todesopfer geklärt. Es handele sich um Emine Kara, M. Şirin Aydın und Abdurrahman Kızıl, teilten die Ko-Vorsitzenden des europaweiten kurdischen Dachverbands KCDK-E, Fatoş Göksungur und Yüksel Koç, am Freitagabend in Paris mit. Angaben zu den Namen der Verletzten machte die Organisation nicht. Doch auch sie seien kurdischer Volkszugehörigkeit.

„Wir sind erschüttert und fassungslos und von großer Trauer überwältigt. Dass drei kurdische Aktive unter den heimtückischen Kugeln eines Henkers sterben mussten, hat uns tief verletzt“, sagte Göksungur und sprach den Angehörigen der Getöteten ihr Mitgefühl aus. Zum Zeitpunkt der Erklärung fand am Tatort eine Nachtwache für die Opfer statt. Die Doppelspitze des KCDK-E rief die Anwesenden sowie die kurdische Exil-Community in Europa zur Teilnahme an einer Demonstration heute Mittag auf der Place de la République auf.

Schwere Vorwürfe: Polizei wohl erst spät vor Ort

Am Freitagmittag hatte der Franzose William M. in der Rue d’Enghien im zehnten Arrondissement von Paris mehrere Schüsse vor und im „Centre Culturel De Kurde Paris Ahmet Kaya“ sowie in einem gegenüberliegenden Café und in einem Friseursalon abgegeben. Der Demokratische Kurdische Rat in Frankreich (CDK-F), ein Dachverband von 24 kurdischen Vereinen, darunter auch das nach Ahmet Kaya benannte Kulturzentrum, sprach von einer „terroristische Attacke“, zu der es nach zahlreichen türkischen Drohungen gekommen sei. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des Kulturzentrums.

Der Täter, ein 69 Jahre alter Rentner und Sportschütze, konnte im Friseurgeschäft von Angestellten überwältigt und an die Polizei übergeben werden. Sie konfrontierten die Behörde jedoch mit dem Vorwurf, erst spät am Tatort gewesen zu sein – rund 40 Minuten nach dem ersten Notruf. Die ersten Rettungskräfte seien nur wenige Minuten vor der Polizei vor Ort gewesen. Hätten die Opfer gerettet werden können statt zu verbluten, wenn die Sanitäter früher am Tatort aufgetaucht wären? Das sollen unabhängige Ermittlungen klären, fordert der CDK-F.

Die Staatsanwaltschaft Paris teilte mit, Untersuchungen wegen vorsätzlicher Tötung und schwerer Gewalt eingeleitet zu haben. Sie bestätigte zudem, dass der Angreifer den Behörden bekannt war und erst kürzlich aus der Untersuchungshaft entlassen wurde. Französische Medien hatten berichtet, dass der Mann bereits vor einem Jahr ein Geflüchtetencamp angegriffen und zwei Menschen verletzt habe. Zudem habe er 2016 und 2021 zwei versuchte Morde mit ausländerfeindlichem Hintergrund begangen. Einen solchen untersuche die Staatsanwaltschaft auch diesmal. Das exakte Tatmotiv sei aber noch nicht bekannt, sagte Innenminister Gérald Darmanin am Nachmittag. Man gehe davon aus, dass der Tatverdächtige allein gehandelt habe.

Zweifel an Theorie des Einzeltäters

Die kurdische Community äußert erhebliche Zweifel an der Theorie von einem Einzeltäter und einer allgemein rassistischen Motivation. Laut Zeugenpersonen wurde der Mann mit einem Auto vor dem Kulturzentrum, der größte Verein unter dem Dach des CDK-F, abgesetzt. Dort habe er dann unvermittelt auf Personen geschossen, die im Eingangsbereich warteten. Anschließend habe er die Straßenseite gewechselt und sei gezielt auf das Café und den Friseursalon zugegangen – beide Geschäfte werden von Kurd:innen betrieben. Die Rue d’Enghien ist eine kleine, migrantisch geprägte Straße mit vielen Restaurants und Geschäften, nicht weit von den großen Boulevards mit ihren bekannten Kaufhäusern. An eine zufällige Auswahl der kurdischstämmigen Opfer glaubt im „Centre Culturel De Kurde Paris Ahmet Kaya“ niemand.

Im kurdischen Kulturzentrum hätte zum Zeitpunkt des Anschlags eigentlich ein letztes Vorbereitungstreffen der Kurdischen Frauenbewegung in Frankreich (TJK-F) vor den Protesten anlässlich des zehnten Jahrestages der Ermordung von Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez stattfinden sollen. Die drei kurdischen Revolutionärinnen waren am 9. Januar 2013 von einem Attentäter des türkischen Geheimdienstes ermordet worden – ebenfalls im zehnten Pariser Arrondissement. Bis heute ist niemand für das Attentat zur Rechenschaft gezogen worden, ein Staatsgeheimnis blockiert die Aufklärung. Die bevorstehenden Proteste rund um den Todestag der drei ermordeten kurdischen Frauen stehen deshalb unter der Losung „Staatsgeheimnis aufheben, zehn Jahre Straffreiheit beenden!“

Weil es störungsbedingte Fahrplanabweichungen im Pariser Bahnverkehr gab, wurde das Vorbereitungstreffen um eine Stunde verschoben. Hätte die Zusammenkunft zur angesetzten Zeit begonnen, wäre dem Attentäter wohl ein Massaker viel größeren Ausmaßes gelungen. Rund 60 Frauen gehören dem Komitee an, das zuständig ist für die Organisation einer Gerechtigkeitswache, der jährlichen Großdemonstration sowie einer Gedenkveranstaltung. Der französische Präsident Emmanuel Macron bezeichnete die tödlichen Schüsse in Paris als gezielte Attacke auf die kurdische Gemeinschaft. „Die Kurden in Frankreich waren das Ziel eines niederträchtigen Angriffs mitten in Paris“, schrieb der Staatschef auf Twitter. Seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen.

Getötete Aktivistin hat ezidische IS-Opfer versorgt

Der CDK-F machte am Abend persönliche Hintergründe der Todesopfer öffentlich. So handelte es sich bei Emine Kara um eine langjährige Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung. Sie hat sich 1989, im Alter von nur 14 Jahren, in der Botan-Region in Nordkurdistan dem bewaffneten Widerstand angeschlossen und viele Jahre als Guerillakämpferin „Evîn Goyî“ in den Bergen verbracht. 2014 ging sie nach Rojava, wo sie zunächst im zivilen Bereich aktiv war. Im selben Jahr überrannte die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) das ezidische Hauptsiedlungsgebiet Şengal im Nordwesten des Iraks und verübte einen Genozid und Feminizid. Zehntausende Menschen, die vor den Dschihadisten ins Gebirge geflohen waren, konnten von der PKK-Guerilla sowie den YPG und YPJ durch einen Fluchtkorridor nach Syrien gerettet werden. Emine Kara organisierte als Vertreterin der Selbstverwaltung die Versorgung und Unterbringung der verfolgten Ezid:innen. Aus gesundheitlichen Gründen kam sie 2019 nach Frankreich. Auch hier engagierte sie sich im verantwortlichen Bereich und vertrat zuletzt die kurdische Frauenbewegung in Frankreich.

Abdurrahman Kızıl hatte sich in der Diaspora für die Belange des kurdischen Volkes eingesetzt. Der Aktivist in den 60ern gehörte zu den Stammgästen im Ahmet-Kaya-Kulturzentrum. Kaum ein Tag sei vergangen, an dem er nicht in dem Pariser Verein saß. Dass er mal auf Veranstaltungen und Aktionen fehlte, sei nur äußerst selten der Fall gewesen.

M. Şirin Aydın ist vielen Menschen unter seinem Künstlernamen Mîr Perwer bekannt. Der Musiker stammte gebürtig aus der Provinz Mûş und lebte noch nicht lange in Frankreich, wo er Asyl beantragt hatte. Seine Heimat musste aufgrund politischer Verfolgung des türkischen Staates verlassen. Er war aktiv bei der Demokratischen Partei der Völker (HDP) und wurde deshalb unter „Terrorvorwürfen“ von der türkischen Justiz zu einer Haftstrafe verurteilt. Zuletzt versuchte er, seine Ehefrau und die gemeinsamen beiden Kinder nachzuholen. Mîr Perwer gehörte der kurdischen Kulturbewegung TEV-ÇAND an.

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