Im Gedenken an den irischen Revolutionär Martin Hurson

Im Gedenken an den irischen Revolutionär Martin Hurson

Am 13. Juli 1981 ist der irische Revolutionär und IRA-Kämpfer Martin Hurson nach 46 Tagen Hungerstreik in den H-Blocks von Long Kesh in Nordirland gestorben.

Der Hungerstreik der IRA-Gefangenen im Jahr 1981 war ein Fanal. In dem Hungerstreik fielen zehn irische Revolutionäre aus den Reihen der Provisional IRA und der INLA (Irish National Liberation Army), unter ihnen Menschen wie Bobby Sands, der kurz vor seinem Tod noch ins britische Unterhaus gewählt wurde. Der Hungerstreik bedeutete viel für die weltweite Praxis von Revolutionär:innen und hinterließ in der Türkei und Kurdistan tiefen Eindruck. Hungerstreik und Todesfasten wurden zur revolutionären Praxis, welche die Militärjunta in der Türkei erschüttern sollte. Ein Jahr und einen Tag nach dem Tod von Martin Hurson, am 14. Juli 1982, sollte der von Hayri Durmuş, Kemal Pir, Akif Yılmaz und Ali Çiçek angeführte Hungerstreik in der „Hölle von Diyarbakır“ (ku. Amed) beginnen. Nach 65 Tagen waren die vier Revolutionäre ums Leben gekommen, hatten jedoch die Initialzündung für die Ausweitung der kurdischen Revolution gegeben.

H-Blocks: Experimentierfeld der Isolationsfolter

Aber nicht nur für den Widerstand ist der Kampf in Nordirland bedeutsam. Das System der H-Blocks war ein für die Aufstandsbekämpfung wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung der Isolationsfolter auf der Grundlage der deutschen Erfahrungen in Anlagen wie Stammheim, in denen an politischen Gefangenen wie Ulrike Meinhof mit sensorischer Deprivation experimentiert wurde. Die Kämpfe gegen Isolationsfolter in türkischen Gefängnissen müssen ebenfalls in dieser Historie des Widerstands und der Unterdrückungstechnologie betrachtet werden.

Martin Hurson: Zu zwanzig Jahren Haft verurteilt

Doch blicken wir zurück nach Nordirland, auf das Leben und den Kampf von Martin Hurson. Hurson war im November 1976 verhaftet und wegen Besitzes von Sprengstoff angeklagt worden. Er wurde schwer gefoltert von der RUC, der britischen Besatzungspolizei. Im November 1977 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt, ein Urteil, gegen das er mehrfach erfolglos Berufung einlegte. Als Freiwilliger der IRA kandidierte Martin Hurson bei den Parlamentswahlen im Juni 1981 als Kandidat der H-Blocks/Armagh im Wahlkreis Longford/Westmeath. Er erzielte sehr gute Ergebnisse, verpasste den Einzug ins Parlament aber knapp. Kurz darauf starb er am 13. Juli.

Martin Hurson starb er am 13. Juli 1981 nach 46 Tagen Hungerstreik

Hursons Tod kam unerwartet

Der Tod des IRA-Freiwilligen Martin Hurson am 13. Juli 1981, nach 46 Tagen Hungerstreik, kam unerwartet. Die Plötzlichkeit seines Todes, der nur fünf Tage nach dem Tod von Joe McDonnell eintrat, war ein Schock, da zwei andere Hungerstreikende – Kieran Doherty und Kevin Lynch – fast eine Woche länger als Hurson im Hungerstreik waren.

Martin Hurson hatte den Hungerstreik an Stelle von Brendan McLaughlin aufgenommen. McLaughlin war aufgrund eines geplatzten Magengeschwürs gezwungen gewesen, die Aktion zu beenden. Hursons Gesundheitszustand hatte sich seit seiner Verlegung in das Gefängniskrankenhaus im Vergleich zu seinen Genossen rapide verschlechtert. Während des gesamten Hungerstreiks hatte er Schwierigkeiten, die täglich notwendigen fünf Liter Wasser zu sich zu nehmen. Dieses Problem führte zu Halluzinationen und Ausdrucksschwierigkeiten. Zum Ende hin verschlechterte sich sein Zustand rapide.

Der sechste Gefallene der Hungerstreikkette

Damals gab es die Auffassung, Hungerstreiks würden erst nach 60 Tagen lebensbedrohlich werden. Hursons Tod kam in diesem Sinne unerwartet. Aber selbst als er im Sterben lag, riss die Repression gegen ihn nicht ab. Seiner Familie wurde der Zutritt verweigert, und so starb Martin Hurson alleine, während seine Angehörigen vor dem Gefängnis ausharrten.

Am nächsten Morgen wurde die Leiche von Martin Hurson von der RUC ohne Rücksprache mit der Familie in das Krankenhaus von Omagh gebracht. Damit sollte den Trauernden auf dem Weg dorthin die Möglichkeit genommen werden, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Trotzdem folgten über hundert Autos dem Leichenwagen von Omagh zum Haus der Hursons in Cappagh, County Tyrone.

Verwandte, Freund:innen und Genoss:innen trugen den Sarg die letzte Meile nach Hause, eskortiert von einer uniformierten Ehrengarde der IRA und gefolgt von einer großen Prozession von Unterstützer:innen. So wurde das letzte Geleit für Hurson zur politischen Demonstration gegen den britischen Kolonialismus.

Beisetzung unter militärischen Ehren

Vor dem Haus hielten die IRA, die Frauenarmee Cumann na mBan und Fianna Éireann eine Totenwache ab, während sich unzählige Trauernde am Sarg verabschiedeten. Am Mittwochnachmittag trugen dann die Verwandten von Martin Hurson den in die Trikolore gehüllten Sarg, auf dem Zeichen der IRA, Handschuhe und Baskenmütze lagen, von seinem Haus zum Leichenwagen. Begleitet von einem Dudelsackspieler und mit einer Ehrengarde der bewaffneten Widerstandsorganisationen zogen Tausende zum Friedhof, während Hubschrauber der britischen Armee über ihnen kreisten. Am Grab feuerten IRA-Freiwillige Salutschüsse ab.

Hungerstreik gegen Kolonialismus und Kollaboration

Am Grab wurde die Ausrufung der sozialistischen Republik durch die erste Rote Armee der Welt in Dublin 1916 verlesen. Seán Lynch, der bei den Parlamentswahlen 1981 Hursons Wahlhelfer war, hielt eine leidenschaftliche Rede. In seiner Rede über Martin Hursons Vergangenheit beschrieb Lynch den 26-Jährigen als „Mitglied einer großen Familie, dessen Mutter starb, als er noch ein kleiner Junge war, als jungen Mann, der für den örtlichen GAA-Club in Galbally Gaelic Football spielte, als Liebhaber der irischen Identität, der zur Auswanderung gezwungen worden war und zurückkehrte und sich auf die Seite derjenigen stellte, die den Anspruch Englands auf die Herrschaft über einen Zentimeter irischen Bodens bestritten.“ Er fuhr fort, die Opfer der Hungerstreikenden würden „die Sache der irischen Unabhängigkeit vor der Zerstörung durch ausländische Feinde und einheimische Kompromissler bewahren und sie zum Sieg führen“.

Die fünf Forderungen der Gefangenen

Der große Hungerstreik wurde mit fünf zentralen Forderungen geführt, die auf die Anerkennung als Kriegsgefangene abzielten. Es ging um das Recht, keine Gefängnisuniformen zu tragen, Gefängnisarbeit zu verweigern, freie Kommunikation mit anderen Gefangenen aufzunehmen und Bildungs- und Freizeitveranstaltungen zu organisieren, auf einen Besuch, einen Brief und ein Paket je Woche und einen vollen Straferlass der am Streik Beteiligten. Der Streik richtete sich gegen Isolationsgefängnisse und den Versuch der britischen Regierung, die politischen Gefangenen zu „kriminalisieren“.

Das erfolgreiche Ende des Hungerstreiks

Der Hungerstreik war begleitet vom Aufbau massiven internationalen Drucks. Nach dem Ende des Hungerstreiks am 3. Oktober gab der britische Nordirlandminister Prior die Annahme mehrerer Forderungen der Gefangenen bekannt. Den Gefangenen wurde unwiderruflich das Recht auf eigene Kleidung gegeben. Allein die Forderung auf Verweigerung der Gefängnisarbeit konnte nicht durchgesetzt werden. Dies hätte die Anerkennung des Kriegsgefangenstatus bedeutet. Die Gefangenen setzten die Forderung aber auf andere Weise durch. Sie nutzten die Gefängnisarbeit zur Organisierung von Ausbruchsversuchen und sabotierten die Arbeit. 1983 flohen viele Revolutionär:innen aus dem Gefängnis von Maze – so wurden die Gefangenenwerkstätten de facto geschlossen. Weit darüber hinaus wurde der Hungerstreik zum Symbol des Gefängniswiderstands.

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