Majas Rede vor dem Revisionsgericht

Sehr geehrtes Gericht, liebe Mitmenschen,

den Entschluss, heute hier zu sprechen, über mich, unser Verfahren, habe ich an einem Freitag vor 2 Monaten, dem 17. Juli 2026, gefasst.

An jenem Tag saß ich kurz nach dem Mittag am Schreibtisch, als Beamte meine Zelle betraten. Ich saß über eine Kurzgeschichte gebeugt, die ich schrieb, um sie später an eine Akademie für literarisches Schreiben zu schicken, die ich aus der Ferne für ein Jahr besuche. Die Geschichte handelte von einer Umarmung mit einem Mitgefangenen. Er war neu im Gefängnis und wir hatten uns zufällig auf der Treppe getroffen. Fünf Minuten hatten wir für den Trost, dessen wir beide bedurften. Er hatte gerade 15 Minuten gehabt, um mit seinem Vater zu sprechen, den er seit vielen Jahre nicht gesehen hatte. Auf seine Frage, wie lange ich einsitze, meinte ich: lange, zweieinhalb Jahre jetzt, und wie lange noch, wisse ich nicht. Über Zerissenheit, Trauer, wütende Tränen sowie Mut, Wärme und stärkende Arme schrieb ich, als die fünf Beamten in die Zelle drangen und von mir forderten, dass ich mein Kleid ablege. Sie forderten auch, dass ich alle feminin anrüchigen Kleidungsstücke herausrücke. Ich verneinte, denn dieses Kleid hatte ich mir selbst angezogen und kein Gesetz verbietet mir dies.

Kurz darauf lag ich gefesselt und mit blutender Lippe auf dem Zellenboden. Diese Unanständigkeit genügte ihnen nicht, nein, im Nachhinein behaupteten alle fünf, diese Gewalt sei notwendig geworden, da ich gewütet hätte. Eine Lüge, aber die Gefängnisleitung glaubte ihnen und ich bekam eine Disziplinarstrafe. Nach einer Beschwerde aber wussten sie weder den Grund der Durchsuchung noch den der Zwangsmaßnahme zu rechtfertigen und das Verfahren wurde sang- und klanglos eingestellt. Das dritte verworfene Verfahren in meiner Haftzeit hier.

Eins bleibt jedoch: das Trauma, in diesem Moment der Gewalt schutzlos ausgeliefert zu sein. Schutz finde ich nur im Vertrauen auf meinen Lebenswillen und bei all jenen, die mir aus fern und nah zur Seite stehen, die trösten und bestärken, die meine Wut teilen.

Solche Ohnmacht ist die Erfahrung vieler, denn diese Gewalt gegen Menschen gehört ganz grundlegend zum Staat dazu, insbesondere im Gefängnis. Er will uns seinen Willen aufzwingen, will uns ausbeuten und so die Menschenwürde zu einem Recht degradieren, das er ändern, zugestehen und wieder entziehen kann.

Blicke ich zurück auf den Strafprozess, dessentwegen wir heute hier sind, möchte ich die Worte bekräftigen, welche ich zu Beginn des Verfahrens, zu meinem Hungerstreik und vor dem Urteilsspruch verfasst und vorgetragen habe. Auch wenn die Wortwahl heute eine andere wäre, ist es gegenwärtig nicht weniger dringend, für humanistische und antiautoritäre, antifaschistische Werte einzustehen.

Ich möchte erinnern an die Versuche politischer Einflussnahme, an die Vorverurteilung, an den Druck und Zwang, um Geständnisse zu erpressen, sowie an den unbedingten Willen, mich zu verurteilen und zu bestrafen. Ich möchte daran erinnern, dass Orbán und Trump die Antifaschistische Aktion samt aller Angeklagten zur Terrororganisation erklärten, um uns Angeklagte zu entmenschlichten und alle jene, die sich aufrichtig für unsere Werte eintreten, einzuschüchtern. Wir dagegen wissen, was der sogenannte Kampf gegen Terror von Despoten wie Trump in Wirklichkeit bedeutet.

Ich möchte auch daran erinnern, dass die Staatsanwaltschaft in mir unbegreiflicherweise fanatischen Hass erkennen will und dass die ungarischen Justizbehörden mich in Isolationshaft sperrten, um mich psychisch und emotional auszuhungern. Daran, dass dieser Rechtsstaat seine eigenen Ansprüche verfehlt und zu einem Ort der Willkür und Unterdrückung wird.

Außerdem möchte ich Sie und mich daran erinnern, dass die Banalität des Bösen weltweit noch viel grausamer sein kann und dies bereits tut, als ich es erlebt habe und schildern kann, und dass wir, damit konfrontiert, oft nur noch mit einem hilflosen Schulterzucken reagieren, manchmal auch ich. Da hilft es nur, mich meiner selbst und unserer Werte und Ideen zu vergewissern.

Erste Tage, nachdem die mir die zu feminin scheinende Kleidung gestohlen wurde, schrieb ich die Kurzgeschichte zu Ende. Nach dem Vorfall und einem Krankenhausbesuch war ich zu entkräftet. Die Stimmen meiner Eltern, Geschwister und Freund:innen gaben mir die Kraft zurück. Gewiss ist da Angst – Angs vor diesem Urteil, Angst, wie lange noch in dieser Zelle, Angst, Menschen nicht wiederzusehen, Angst, dass mir der zerstörerische Knast nicht nur meine Kleidung, sondern auch meine Lebensperspektive raubt.

Dann aber ist da das Schreiben und Zuhören. Die Welt schreit wahnsinnig und ist grotesk geworden. Das stille Schreiben hilft mir, mich zu verstehen, nach Antworten zu suchen, darauf, warum wir all das machen. Daran bin ich in den letzten drei Jahren gewachsen, es hat mich bestärkt, Haltung zu bewahren, mir im Knast Halt gespendet, wo vieles oft unlösbar scheint, es mir erleichtert, den Mensch zu sehen, ohne zu werten. Und mir ist Vertrauen begegnet, jenes unsichtbare Vertrauen, das uns verbindet, das auch ich in mir trage. Ich werde weiter schreiben, weiter Verantwortung übernehmen und handeln, auch weiter, dem Verbot zum Trotz, Menschen im Knast umarmen und für eine Welt leben, die weiß, auf Gefängnisse und Lager zu verzichten.

Ich hoffe und wünsche, ihr tut dies auch, hier in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Kontinent und darüber hinaus. Ihr habt Orban gestürzt und so Zuversicht gesät, auch in mir. Niemand soll vergessen werden. Ich danke allen vom Herzen. Alerta, lassen wir uns nicht entmutigen. Einen Blumenstrauß an alle solidarischen Menschen.

Einen letzten Gedanken möchte ich den Antifaschisten Zaid und Gino widmen, die vor der staatlichen Verfolgung aus ihren Ländern nach Paris geflüchtet sind, und denen die Auslieferung nach Ungarn bzw. Deutschland droht, so wie auch ich vor über zwei Jahren nach Ungarn ausgeliefert wurde. Das darf sich nicht wiederholen. Kämpfen wir auch für die Freiheit von Zaid, Gino und aller Antifascihst:innen.