Noch vor dem ersten Schulstreik gegen die Wehrpflicht besuchte die Polizei die Eltern eines 18-jährigen Schülers in Hamburg-Altona. Kurz vor dem Streik am 8. Mai machte er den Vorfall öffentlich.
Im Oktober 2025 war Karl* mit seiner Oberstufenklasse des Gymnasiums Altona auf Profilfahrt. Nach zwei Tagen erhielt er viele Anrufe von seiner Familie. Alle wollten wissen, ob es ihm gut gehe. Sein Vater erzählte ihm am Telefon, dass die Polizei bei ihnen gewesen sei. „Als die Polizei kam, war nur mein Vater zuhause. Zuerst fragten sie ihn, ob ich da sei, dann erzählten sie, dass in einer Chatgruppe geschrieben worden sei, dass es mir nicht gut gehe. Sie fragten meinen Vater, ob ich volljährig bin. Nachdem mein Vater das bejahte, sagten sie, sie dürften ohne meine Zustimmung nichts weiter sagen“, berichtet Karl.
Die Beamten fragten noch nach der Telefonnummer seines Sohnes, der Vater gab eine alte Nummer heraus. Auf dieser Nummer gab es später zwei verpasste Anrufe, weitere Kontaktversuche gab es nicht. Warum die Polizei kam, blieb für Karl unklar.
Auf Anfrage erklärte die Hamburger Polizeipressestelle, eine Hinweisgeberin habe eine „vermutete Eigengefährdung“ des 18-Jährigen gemeldet. Daraufhin habe eine Streife die Wohnanschrift überprüft, so Polizeisprecher Sören Zimbal. Weitere Angaben machte die Polizei nicht.
Zweifel an Polizeibegründung
Für Karl erklärt das den Einsatz nicht. Er sieht darin Repression: „Die Polizei wollte damit nicht nur mich als politisch aktiven Schüler einschüchtern, sondern vor allem das Vertrauen meiner Eltern zu mir schwächen“. Seine politische Organisierung sei kein Geheimnis, er spreche offen mit seinen Eltern darüber. Auch nach dem Vorfall habe er gute Gespräche mit ihnen geführt. Er glaubt daher nicht, dass der Vorfall ihr Verhältnis zu ihm verändert habe.
Warum die Polizei ausgerechnet bei ihm auftauchte, kann Karl nur vermuten: „In der Organisation Schule gegen Krieg, die wir aufgebaut haben, war ich jemand, der viel Zeit reingesteckt hat. Vielleicht bin ich dadurch einfach aufgefallen.“ Die Gruppe Schule gegen Krieg war schon vor den Schulstreikkomitees aktiv, vor allem am Gymnasium Altona. Sie richtet sich nicht nur gegen die Wehrpflicht, sondern auch gegen Militarisierung und den nächsten großen Krieg. Heute arbeitet die Gruppe im hamburgweiten Streikkomitee von Schulstreik gegen die Wehrpflicht mit und organisiert gemeinsam mit Mitschüler:innen Schulstreiks.
Vorwürfe von Repressionen
Erst Ende April 2026, ein halbes Jahr später, entschied Karl mit Mitschüler:innen, den Vorfall öffentlich zu machen. In den letzten Monaten hatten Schüler:innen aus verschiedenen Städten von Repressionen gegen die Schulstreikbewegung berichtet. Karl sieht den Polizeibesuch deshalb nicht mehr als Einzelfall, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Besonders während des zweiten Schulstreiks am 5. März 2026 kam es bundesweit zu Maßnahmen von Schulen und Polizei. Manche Schulleitungen führten nur für diesen Tag eine Attestpflicht ein, andere verschlossen die Schultore, um Schüler:innen von den Demonstrationen abzuhalten. In Berlin und München kam es laut Berichten zu Festnahmen von Schülern mit Merz-kritischen Plakaten.
Ob es weitere Fälle wie seinen gibt, weiß Karl nicht. Von anderen Polizeibesuchen bei Eltern politisch aktiver Schüler:innen hat er nichts gehört. Das könnte auch daran liegen, dass „nicht alles öffentlich wird, weil Eltern manchmal nicht gut darauf reagieren, wenn die Polizei vor der Tür steht“. Nach seiner Einschätzung richten sich die Repressionen vor allem gegen Schüler:innen, die sich schon länger organisieren oder über die Schulstreikkomitees hinaus aktiv sind. So wurde nach Angaben aus der Schulstreikbewegung im Februar 2026 in Leipzig ein 12-jähriger Schüler von der Polizei vorgeladen. Auch er ist nicht nur in der Schulstreikbewegung aktiv, sondern auch in der Jugendorganisation Internationale Jugend.
Für den Protest angezeigt
Den Polizeibesuch machten Karl und seine Mitschüler:innen bei einer unangemeldeten Kundgebung am 22. April 2026 öffentlich. Sie kritisierten die aus ihrer Sicht zunehmenden Repressionen gegen die Schulstreikbewegung. Als die Polizei eintraf, übernahm Karl die Verantwortung für die nicht angemeldete Kundgebung. Er erhielt eine Strafanzeige wegen Verstoßes gegen § 26 Absatz 2 des Versammlungsgesetzes.
Am 8. Mai 2026 – dem Tag, an dem vor 81 Jahren der Zweite Weltkrieg endete – streikten Schüler:innen zum dritten Mal bundesweit gegen die Wehrpflicht. Auch Karl war wieder auf der Straße.
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