»Die Guerilla ist für mich eine Schule der Freiheit«

»Die Guerilla ist für mich eine Schule der Freiheit«

Gespräch mit Jaime Nevado. Über kulturelle Arbeit in der FARC, notwendige Voraussetzungen für Frieden in Kolumbien und die Schaffung einer neuen Welt

Jaime Nevado kämpft seit 50 Jahren in den Reihen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC). Er schuf auch den Rap, mit dem die FARC die Friedensverhandlungen mit Bogotá im vergangenen Herbst praktisch ankündigten (youtu.be/D-RdfpSr-pI)

Seit dem 18. Oktober verhandeln die kolumbianische Regierung und die FARC-Guerilla über einen Frieden in dem südamerikanischen Land. Wenige Wochen zuvor hatte die revolutionäre Organisation die in den internationalen Medien kursierenden Berichte über entsprechende Gespräche mit einem Musikvideo bestätigt. Dieser Streifen begann mit Worten aus einer Ansprache ihres obersten Comandante Timoleón Jiménez alias Timochenko: »Wir gehen ohne Groll und ohne Arroganz an den Verhandlungstisch.« Es folgte ein von mehreren jungen Guerilleros ohne Waffen und Uniform präsentierter Rap. In diesem Lied, das von der kolumbianischen Presse umgehend als politisches Manifest interpretiert wurde, heißt es unter anderem: »Ich gehe nach Havanna / diesmal, um zu reden / denn der Bourgeois, der uns gesucht hat, konnte uns nicht besiegen. / Ich gehe nach Havanna, / diesmal, um zu reden / mit dem, der mir vorwarf, über den Frieden zu lügen…«

Den Mann, der dieses Lied geschrieben hat, treffe ich, während er gerade die Saiten seiner Gitarre streichelt. Er stellt sich mir als Jaime Nevado vor, ein freundlicher Mann, dessen Augen hinter den Gläsern seiner Brille lächeln. Sein Schnauzer und das Kinnbärtchen sind grau. Als ich ihn nach seinem Alter frage, antwortet er, er sei »dem siebten Stockwerk nahe«. Auch während des Gesprächs erscheint es mir immer wieder so, als umarme er sein Instrument. Oder besser: als ob er von ihm Hilfe bei der Suche nach den richtigen Worten erwartet. Nicht weniger als viermal unterbricht er unser Gespräch, um mir seine Lieder vorzuspielen.

Wie ist es möglich, daß jemand wie Sie mit fast 70 Jahren einen Rap verfaßt, das ist doch Musik der Jugend?

Ich bin ein Alter, der bei der Arbeit mit Jugendlichen, vor allem jungen Bauern, jeden Tag jünger wird. Ich komme eigentlich aus der Stadt, aus der Welt des Theaters. Aber dieser Alte, der auch einmal jung war, hilft der Jugend dabei, dieses Land zu verändern. Ich habe das Glück, als alter Mann mit der Musik die Jugend erreichen zu können.

Und vergessen wir nicht, daß der Rap zu einer Kultur gehört, die aus an den Rand gedrängten Bevölkerungsschichten stammt, von den Schwarzen in den USA, und dann populär geworden ist. Es waren diese von der hochgradig rassistischen Gesellschaft der Vereinigten Staaten zurückgewiesenen Schwarzen, die an den Straßenecken mit ihren afrikanischen Rhythmen aufgetaucht sind und so ihre Marginalisierung beschrieben und gegen sie protestierten.

Mir ist es gelungen, zwei unterschiedliche städtische Kulturen zu vereinen, die beide afrikanische Wurzeln haben: den Tango und den Rap. Beide Stile sind unter den Marginalisierten entstanden. Und diese Gelegenheit hatte ich nur, weil ich den Jugendlichen nahe war.

Wo haben Sie diese Art zu komponieren, zu singen und Gitarre zu spielen gelernt?

Das entstand vor vielen Jahren, in dem Augenblick, als ich mich den FARC, den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens, angeschlossen habe. Die Guerilla ist für mich zu einer Schule der Freiheit geworden. In dieser Universität des Volkes, das der Ausbeutung und Demütigung müde geworden ist, habe ich gelernt. Wenn ich singe, tue ich das deshalb mit antiimperialistischem Herzen und mit dem Wunsch, ein anderes Land zu erleben. Die Musik, die Kultur sind Hoffnung. In den FARC widmen wir einen Teil unserer Zeit immer der Kreativität, denn unser Ziel ist letztlich die Schaffung einer neuen Welt, und dafür ist die Kultur entscheidend. Jeden Abend veranstalten wir deshalb eine kulturelle Stunde, auch wenn wir mal nur drei Guerilleros sind. Wenn es die Lage in der Guerilla erlaubt, versammeln wir uns um das Feuer und sprechen darüber, wie unser Alltag mit unseren Familien, mit der Freundin, mit den Freunden und Bekannten gewesen ist. Irgend jemand rezitiert ein Gedicht, jemand anderes singt, ein anderer erzählt von einem Erlebnis, oder eine Gruppe führt ein Theaterstück auf. Oder wir tanzen zu unserer schönen kolumbianischen Musik, die so viele Rhythmen aus so vielen Regionen beinhaltet. Es ist dann immer eine spirituelle Gemeinschaft.

Diese »spirituelle Gemeinschaft« entsteht, weil Sie und die anderen Guerilleros sind, oder aus Angst vor dem Tod?

Ich würde sagen, sie entsteht, weil wir Menschen sind. Und die Menschen werden menschlicher, wenn wir anerkennen, daß viele einfache Dinge, die wir in unserem Leben gehabt haben, große Erfahrungen gewesen sein können. Und das erreichen wir, wenn wir Erinnerungen und Erlebnisse teilen.

Ich war gerade erst ein Sympathisant der FARC geworden, als mich jemand bat, ein Gedicht zu schreiben. Er brauchte es ganz dringend, sofort. Er wollte ein Lied auf die Freiheit und das Leben. Und das einzige, was mir damals einfiel, war: »Wenn heute das Leben eine Erzählung zu sein scheint, erzähle sie, mein Bruder, erzähle sie so oft, so oft, bis diese Erzählung zu einem Lied geworden sein wird.«

Es ist aber ein Widerspruch, daß Sie davon sprechen, für das Leben und die Freiheit zu singen, während Sie als »Drogenterroristen« gelten…

Ich hasse die Drogenterroristen. Denn sie sind es, die foltern, Bomben werfen, das Volk ermorden, Kinder töten, Frauen vergewaltigen. Die FARC haben im Umgang mit der Bevölkerung Fehler gemacht, aber wir sind keine Terroristen, und noch viel weniger Drogengangster. Die wirklichen Drogenterroristen sind die, die versuchen, uns als solche darzustellen.

Ist es in der Guerilla heute noch möglich, diese kulturellen Stunden durchzuführen? Ich frage dies, weil durch die neue Technik, die eingesetzt wird, um die Gruppen aufzuspüren und zu bombardieren, doch schon das Entzünden eines Feuers zum Beispiel gefährlich sein kann…

Wir müssen uns diese Stunden erhalten. Die FARC dürfen vor den Bomben, den Schüssen und der Mördertechnologie nicht zurückweichen. Im Gegenteil, wir müssen mehr singen, mehr Bildung vermitteln, mehr kämpfen. Und all das müssen wir voller Freude tun. Natürlich gibt es Tage, in denen der Krieg das nicht zuläßt. Aber sobald die Bombenexplosionen und Schüsse verhallt sind, kehrt die Kultur zurück.

Wie viele andere leisten Sie kulturelle Arbeit in der Guerilla. Aber könnten Sie die nicht auch ohne ein Gewehr über der Schulter in den Städten und Dörfern machen?

Der in Frankreich lebende Journalist Hernando Calvo Ospina war Referent bei der von junge Weltveranstalteten Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 12. Januar in Berlin

In den Städten kann man singen, Theater spielen oder Gedichte verfassen, aber immer nur im Rahmen dessen, was das System erlaubt. Wenn du aber etwas unternimmst, um Menschen für eine andere Welt aufzuwecken, bringen dich die Herrschenden um. So ist es in Kolumbien seit vielen, vielen Jahren. In der Stadt hast du nicht die Ruhe, um legale politische Arbeit zu entwickeln, denn sobald das Establishment merkt, daß jemand anders denkt und daß die Menschen beginnen, diesen anderen Gedanken zu folgen, ordnen sie sofort die Ermordung an. Arbeiten, um das gesellschaftliche Bewußtsein zu heben, ist gefährlich. Dafür zu arbeiten, daß die Menschen durch das Fernsehen, das Internet und die Botschaften im Radio nicht eingeschläfert und sich selbst entfremdet werden, ist sehr gefährlich.

Es ist aber nicht so, daß man nur in die Guerilla geht, um zu verhindern, daß sie einen umbringen. Hier ist es möglich, viele Dinge zu tun, um etwas Wertvolles aus deinem Leben zu machen. Es ist etwas Schönes, wenn jemand Bilanz ziehen und sagen kann: Ich bin durch das Leben gegangen, und das Leben ist nicht wie ein Film an mir vorbeigelaufen. Ich glaube, die größte Befriedigung, die ein Mensch am Ende spüren kann, ist, etwas aus dem Leben gemacht zu haben, für die und mit den anderen Menschen.

In den FARC trägt man dieses Sandkorn zur Veränderung der Gesellschaft bei, denn die FARC sind eine Schule zur Bildung von Menschen.

Gleichzeitig haben Sie Handys, moderne Computer, Sie hören Radio und sehen Fernsehen, wie in jeder anderen Konsumgesellschaft…

Wir sind doch nicht gegen den technologischen Fortschritt, denn wir nutzen ihn ja auch für unseren täglichen revolutionären Kampf. Aber wir sind nicht damit einverstanden, wie die Technik benutzt wird.

Wir wollen, daß es in den FARC Männer und Frauen mit anderen menschlichen Kriterien gibt. Wenn wir uns diese Telenovelas ansehen, analysieren wir anschließend ihre Inhalte und diskutieren darüber, ob sie uns ethisch etwas bringen. Was heute im kolumbianischen Fernsehen zu sehen ist, ist die Apologie der Mafia und des Verbrechens. Sie werben für Verschwendung, Luxus, Konsum – in einem Land, in dem 30 Millionen Menschen in Armut leben. Darum entwickeln die großen Fernsehketten einen Kult, und das ist es, was die jungen Leute sehen.

Die Massenkultur, die in Kolumbien und fast überall auf der Welt existiert, dient nur dazu, die Jugend einzuschläfern. Wir aber versuchen, sie aufzuwecken. Dieser Kampf ist sehr hart, denn er wird mit ungleichen Mitteln geführt, aber wir tragen ihn jeden Tag aus. Sie haben Millionen und Abermillionen Dollar, um ihre Arbeit zu machen. Sie führen das, was sie den »Krieg der vierten Generation« nennen: ein Jugendlicher wird neutralisiert, kooptiert oder umgebracht. Neutralisiert bedeutet, er wird mit allerlei dummen Dingen beschäftigt; kooptiert zu werden heißt, daß sie ihn dazu bringen, sich gegen seine eigenen Leute zu stellen. Und wenn weder das eine noch das andere möglich ist, bringen sie ihn um. So einfach ist das. Es sind also keine großen Armeen mehr, die die Jugendlichen verfolgen, sondern TV- und Kinoproduktionskommandos.

Sie haben bereits 50 Jahre in den Bergen bei der Guerilla verbracht. Die Regierung erklärt immer wieder, daß die FARC kein politisches Projekt, keine politischen Ziele mehr haben. Auch frühere Guerilleros und viele Linke sagen das.

Die Bourgeoisie selbst hat inzwischen anerkannt, daß fünf Millionen Dollar ausgereicht hätten, diesen langen und grausamen Krieg zu verhindern. Es hätte gereicht, damit Familien von 51 Bauern – 48 Männer und drei Frauen –, den Boden bestellen und Lebensmittel für unser Land produzieren können. Aber diese Bourgeoisie entschied sich dafür, sie zu töten. Und sie versuchten es, ließen sich von den Gringos beraten und schickten 16000 Soldaten und Bomben. Aber diese mit Macheten und einigen alten Flinten bewaffneten Bauern stellten sich ihnen entgegen. Nach zwei Monaten Widerstand, immer vom Bombenhagel bedroht, präsentierten sie dem Land einen politischen Vorschlag, das Agrarprogramm, das die FARC bis heute verfolgen. Das war am 20. Juli 1964, diesen Tag begehen wir als Geburt der FARC. Und seit damals unterbreiten wir politische Vorschläge, um den bewaffneten und gesellschaftlichen Konflikt zu beenden.

Wenn wir aufgesucht werden, damit wir die Waffen niederlegen, wiederholen wir, was für den Frieden in Kolumbien notwendig ist. Dann heißt es, das gehe nicht, wir würden zu viel verlangen. Denn wir sagen, daß Frieden in Kolumbien voraussetzt, daß alle 30 Millionen Armen jeden Tag Brot auf dem Tisch haben; daß es genug Schulen gibt, um Lesen zu lernen und Kultur zu vermitteln; Krankenhäuser, damit niemand an einem einfachen Durchfall sterben muß; Grund und Boden zum Bebauen und um nicht mehr importieren zu müssen, was wir in Mengen selbst produzieren könnten. Dann sagen sie, das ginge nicht, dafür fehle das Geld. Aber zum Schießen und Morden ist natürlich immer mehr als genug Geld vorhanden. Und dafür, daß sie erlauben, daß sich die transnationalen Konzerne unsere riesigen Bodenschätze aneignen.

Warum ist es Ihnen nicht gelungen, mit Waffengewalt die Macht zu erobern?

Ich glaube nicht, daß die FARC an die Macht kommen müssen, das Volk muß die Herrschaft erlangen. Und wenn das nicht erreicht wurde, dann, weil es ihnen gelungen ist, daß Volk eingeschläfert zu halten. An dem Tag, an dem das Volk sich seiner bewußt wird, werden wir die Macht erobern. Wir sind die Armee eines Volkes, und als Armee dieses Volkes sind wir dazu da, es an die Macht zu führen.

Übersetzung: André Scheer

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