Doch der Hungerstreik in israelischen Gefängnissen hat kein Ende

Nach drei Jahren in unbegründeter israelischer Haft und mehr als drei Monaten im Hungerstreik wurde der palästinensische Fußballnationalspieler Mahmoud Sarsak am vergangenen Dienstag, den 10. Juli, endlich freigelassen und kehrte in den Gazastreifen – in seine Heimat – zurück.
Der ehemalige Gefangene wurde in einem Krankenwagen nach Gaza transportiert, wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtet. Mehrere Hundert Menschen erwarteten seine Ankunft und begrüßten Sarsak voller Freude auf offener Straße.
Sarsaks Geist und Körper haben Unvorstellbares ausgehalten. Während seines dreimonatigen Hungerstreiks verlor er ca. die Hälfte seines Körpergewichts und befand sich am Rande des Todes. Nach seiner Ankunft wurde er ins Shifa Krankenhaus in Gazastadt bebracht. Laut Aussagen der Ärzte sei Sarsak schwach, aber stabil. Nach der Untersuchung konnte der 25-Jährige in seine Heimatstadt Rafah zurückkehren, in der er wie ein Held gefeiert wurde.
Mahmoud Sarsaks Hungerstreik löste eine internationale Protestwelle aus. Unter anderem äußerten sich der ehemalige Manchester United-Star Eric Cantona, der FIFA-Präsident Joseph Blatter und die Menschenrechtsgruppe Amnesty International kritisch der Inhaftierung Sarsaks gegenüber. Zahlreiche Organisationen und Personen des öffentlichen Lebens forderten die sofortige Freilassung Sarsaks.

Leider ist Mahmoud Sarsaks administrative- bzw. Verwaltungsinhaftierung kein Einzelfall. Laut der Menschenrechtsorganisation Addameer befinden sich zurzeit ca. 4.660 palästinensische politische Gefangene in israelischen Gefängnissen, 303 davon in sogenannter Verwaltungshaft. Sie werden festgehalten, ohne dass ihnen ein Prozess gemacht wird. Es gibt keine Beweise und keine offizielle Anklage und trotzdem kann die für sechs Monate vorgesehene Inhaftierung willkürlich verlängert werden – im Fall von Mahmoud Sarsak drei Jahre lang.
Nach seiner Ankunft in Gaza erklärte Sarsak: „Ich kann meine Freude nicht beschreiben! Aber zur gleichen Zeit kann ich auch nicht die Schreie der Gefangenen vergessen, die sich immer noch in israelischen Gefängnissen befinden.“
Auch Sarsaks Mutter beschrieb, dass sie stolz ist auf Mahmouds Sieg über den israelischen Gefängnisdienst und hofft dabei, dass alle Gefangenen freigelassen werden.
Haaretz veröffentlichte ein kurzes Video, in dem die Ankunft Sarsaks festgehalten wurde.
Auch wenn Mahmoud Sarsak frei ist, hat der Hungerstreik kein Ende.

Akram Rikhawi befindet sich am heutigen Mittwoch, den 11. Juli, im einundneunzigsten Tag seines Hungerstreiks. Rikhawi wurde 2004 festgenommen und vom israelischen Militärgericht zu neun Jahren Haft verurteilt. Wie parteiisch die Verurteilungen des israelischen Militärgerichts allerdings sind, zeigt ein israelischer Militärbericht, der im vergangenen Jahr auf Haaretz veröffentlicht wurde.
Dort heißt es, dass es in 99,74 Prozent aller Anklagen vor israelischem Militärgericht (in dem über die Fälle der Palästinenserinnen und Palästinenser entschieden wird) zu Verurteilungen kommt.
Im Falle Akram Rikhawis kommt hinzu, dass dieser an mehreren chronischen Krankheiten leidet, darunter Diabetes, Asthma, Osteoporose, Nierenprobleme und Bluthochdruck. Im Angesicht dieser bereits vorhandenen Krankheiten ist der Hungerstreik für Rikhawi besonders bedrohlich. Er schwebt bereits seit einem Monat in höchster Lebensgefahr.
Jede/r Gefangene ist dazu berechtigt, einen Antrag auf eine vorzeitige Entlassung zu stellen, wenn sie oder er mindestens zwei Drittel der Strafe verbüßt hat.
Akram Rikhawi hat solch einen Antrag bereits zwei Mal gestellt. Zum Einen auf Grund seiner schlechten körperlichen Verfassung. Im Laufe seiner Inhaftierung wurde es ihm nur zwei Mal genehmigt einen unabhängigen Arzt zu treffen. Beide Male fanden in den letzten anderthalb Monaten – also während seines Hungerstreiks – statt.
Zum Anderen auf Grund sozialer Umstände. Er hat acht biologische und fünf adoptierte Kinder und seine gesamte Familie ist nicht nur emotional sondern auch finanziell von ihm abhängig. Beide Anträge wurden allerdings abgelehnt. Die einzige Begründung für diese Ablehnungen waren „geheime Informationen“. Als Reaktion auf seine –seiner Verfassung nicht gerechten- Behandlung im Gefängnis und auf die untransparenten Gerichtsentscheidungen trat Akram Rikhawi am 12. April in offenen Hungerstreik.
Ebenfalls im Hungerstreik befindet sich Samer Al-Barq. Bereits seit 61 Tagen hat Al-Barq nichts mehr gegessen. Er nimmt nur Wasser mit Glucose zu sich und seine Verfassung hat sich seit dem 25. Juni gravierend verschlechtert. Er hat bereits ein Viertel seines Körpergewichts verloren und bisher wurde es ihm noch nicht genehmigt von einem unabhängigen Arzt untersucht zu werden.
Für Hassan Safadi ist es Tag 21 seines erneuten Hungerstreiks. Er war einer der Langzeithungerstreikenden (neben Bilal Diab, Thaer Halahleh und Omar Abu Shalal) während des palästinensischen Massenhungerstreiks in israelischen Gefängnissen, der am 14. Mai 2012 mit einem Abkommen zwischen israelischem Gefängnisdienst und palästinensischen Gefangenen zum Ende kam. Das Abkommen besagte, dass Israel die laufenden Verwaltungsinhaftierungen nicht verlängern wird. Safadi beendete daraufhin nach 71 Tagen seinen Hungerstreik.
Am 29. Juni sollte seine Verwaltungshaft ablaufen und er freigelassen werden. Dies geschah nicht. Vollkommen willkürlich und entgegen dem unterzeichneten Abkommen verlängerte der israelische Gefängnisdienst die Verwaltungshaft Hassan Safadis um weitere sechs Monate. Seit mehr als einem Jahr befindet sich Safadi nun schon ohne Beweise, Anklage oder Prozess im Gefängnis.

Mahmoud Sarsak ist nach seinem schweren Kampf, der ihm fast das Leben gekostet hat, frei. Akram Rakhawi, Samer Al-Barq und Hassan Safadi befinden sich immernoch in genau diesem Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit, der sie in höchste Lebensgefahr bringt. Der Hungerstreik ist das einzige Mittel des Widerstands, das ihnen bleibt.

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