Grup Yorum durfte nicht in die BRD einreisen

Grup Yorum durfte nicht in die BRD einreisen

INTERVIEW/290: Treffen um Rosa Luxemburg – Vergessen frißt Fortschritt auf … Ihsan Cibelik im Gespräch (SB)

Grup Yorum … mehr als Musik

Grup Yorum ist eine re­vo­lu­tio­när und so­zi­al be­weg­te Grup­pe zahl­rei­cher Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker, die sich han­dels­üb­li­chen Ver­glei­chen mit an­de­ren Bands fast voll­stän­dig ent­zieht. Ob­wohl die Kon­zer­te der seit 1985 in ver­schie­de­nen Be­set­zun­gen exis­tie­ren­den Band in der Tür­kei von Hun­dert­tau­sen­den Men­schen be­sucht wer­den, wird der of­fi­zi­el­le und me­dia­le Kul­tur­be­trieb des Lan­des ihrer gro­ßen Be­deu­tung und Po­pu­la­ri­tät kaum ge­recht. Den­noch sind ihre Mit­glie­de­rin­nen und Mit­glie­der so be­rühmt, daß sie er­folg­rei­che So­lo­kar­rie­ren an­tre­ten oder auf an­de­re Weise in der Mu­sik­in­dus­trie Ge­schäf­te ma­chen könn­ten. Statt des­sen steckt die vor allem in Is­tan­bul ak­ti­ve Band einen Groß­teil ihrer En­er­gie in den po­li­ti­schen Kampf. Sie hält kos­ten­lo­se Volks­kon­zer­te ab, un­ter­stützt
ver­folg­te Ge­nos­sin­nen und Ge­nos­sen mit So­li­da­ri­täts­auf­trit­ten, be­treibt ein Kul­tur­zen­trum, be­tei­ligt sich an Stadt­teil­kämp­fen und setzt sich auf der Stra­ße für die po­li­ti­schen Ziele der re­vo­lu­tio­nä­ren Lin­ken ein.

Daß ihre Mit­glie­de­rin­nen und Mit­glie­der in einem Land, das von kur­di­schen Ab­ge­ord­ne­ten und Bür­ger­meis­tern über linke Jour­na­lis­ten und An­wäl­te bis zu Ak­ti­vis­tin­nen und Ak­ti­vis­ten so­zia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher Or­ga­ni­sa­tio­nen aus po­li­ti­schen Grün­den zu Tau­sen­den ein­sperrt, dabei stets mit einem Bein im Knast ste­hen, kann nicht wei­ter er­stau­nen. Ge­ra­de weil Grup Yorum die häu­fig genug un­ter­ein­an­der zer­strit­te­nen lin­ken Strö­mun­gen und Be­wegun­gen mit re­vo­lu­tio­nä­rem Lied­gut ver­eint und dar­über hin­aus zahl­rei­che Men­schen mit ihrer Musik po­li­ti­siert, ist sie der AKP-Re­gie­rung ein Dorn im Auge. Daß Grup Yorum auch in der Bun­des­re­pu­blik immer mehr Re­pres­si­on er­fährt, dürf­te damit zu tun haben, daß die tür­ki­sche Re­gie­rung die EU-eu­ro­päi­sche Flücht­lings­ab­wehr in ihr Land vor­ver­la­gert hat. Im Ge­gen­zug wird ihr freie Hand bei der Un­ter­drü­ckung der kur­di­schen Be­frei­ungs­be­we­gung wie der lin­ken Op­po­si­ti­on ge­las­sen, als auch dafür ge­sorgt, daß die Ak­ti­vis­tin­nen und Ak­ti­vis­ten der tür­ki­schen und kur­di­schen Lin­ken in der Bun­des­re­pu­blik vom po­li­ti­schen Straf­recht be­droht und Haft­stra­fen über sie ver­hängt wer­den.

Um so be­deut­sa­mer ist, daß die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker Grup Yo­rums un­be­irrt an ihrem po­li­ti­schen Kampf fest­hal­ten und damit be­wei­sen, daß Kunst und Kul­tur nicht not­wen­di­ger­wei­se Spiel­wie­sen der Ab­len­kung von so­zia­len und ge­sell­schaft­li­chen Wi­der­sprü­chen sein müs­sen. Indem sie den Fin­ger in die Wunde blu­ti­ger Kon­flik­te legen und gegen das häß­li­che Ge­sicht im­pe­ria­lis­ti­scher
Po­li­tik an­sin­gen, wer­den sie auch dem Traum vie­ler krea­ti­ver Men­schen ge­recht, die keine Tren­nung zwi­schen ihren künst­le­ri­schen Idea­len und ihrer be­ruf­li­chen Exis­tenz ma­chen wol­len.

Der Auf­tritt von Grup Yorum war einer der Hö­he­punk­te auf der dies­jäh­ri­gen Rosa Lu­xem­burg Kon­fe­renz. Die Grup­pe war auf­grund der über viele ihrer Mit­glie­de­rin­nen und Mit­glie­der ver­häng­ten Ein­rei­se­ver­bo­te zwar nur in einer klei­nen Be­set­zung in Ber­lin prä­sent. Doch das ihren Fans in- und aus­wen­dig be­kann­te Re­pertoire ver­wan­del­te ihr kur­zes Kon­zert in eine po­li­ti­sche Ma­ni­fes­ta­ti­on, der die Freu­de dar­über, daß die Stim­me Grup Yo­rums auch durch Ver­bo­te deut­scher Be­hör­den nicht zum Ver­stum­men ge­bracht wer­den kann, deut­lich an­zu­mer­ken war.

Im An­schluß an das Kon­zert bot sich dem Schat­ten­blick die Ge­le­gen­heit, mit dem lang­jäh­ri­gen Grup Yo­rum-Mit­glied Ihsan Ci­be­lik ein kur­zes, von einer Ge­nos­sin ins Deut­sche über­setz­te Ge­spräch zu füh­ren.

Schat­ten­blick (SB): Herr Ci­be­lik, Sie sind eines der äl­tes­ten Mit­glie­der von Grup Yorum. Seit wann ge­hö­ren Sie der For­ma­ti­on an?

Ihsan Ci­be­lik (IC): Grup Yorum gibt es jetzt seit 30 Jah­ren. Ich bin Grup Yorum kurz nach der Grün­dung bei­ge­tre­ten.

SB: Grup Yorum ist heute mit einer klei­nen Be­set­zung hier in Ber­lin auf der Rosa Lu­xem­burg Kon­fe­renz auf­ge­tre­ten. Warum hat die Band für das am 14. No­vem­ber 2015 in Ober­hau­sen ge­plan­te Konzert unter dem Motto „Eine Stim­me und ein Herz gegen Ras­sis­mus“ keine Visa von den deut­schen Be­hör­den er­hal­ten? Wel­che of­fi­zi­el­le Be­grün­dung wurde für das Ein­rei­se­ver­bot ge­ge­ben?

IC: Es stimmt, daß weder Eng­land, Hol­land noch Deutsch­land den Grup Yo­rum-Mit­glie­dern ein Visum er­teilt haben. Be­grün­det wurde das damit, daß 11 der ins­ge­samt 14 Band­mit­glie­der im Schen­ge­ner In­for­ma­ti­ons­sys­tem (SIS) ge­lis­tet seien. Das SIS ist eine Da­ten­bank eu­ro­päi­scher Po­li­zei- und Si­cher­heits­be­hör­den, in der etwa zur Fahn­dung aus­ge­schrie­be­ne oder ein­fach „un­er­wünsch­te“ Per­so­nen ge­spei­chert wer­den. Das heißt, daß die Mit­glie­der von Grup Yorum als ge­fähr­li­che Per­so­nen ein­ge­stuft wer­den, die die Si­cher­heit in die­sen Län­dern ge­fähr­den wür­den. Ku­ri­os daran ist, daß wir in den 30 Jah­ren un­se­res Be­ste­hens Hun­der­te Male ins Aus­land ge­reist sind, ohne daß es je zu Schwie­rig­kei­ten ge­kom­men wäre.

SB: Im Juni 2014 hat Grup Yorum in Ober­hau­sen ein Kon­zert mit gro­ßer Be­set­zung von 40 Leu­ten ge­ge­ben. 15.000 Zu­schau­er fei­er­ten viele Stun­den lang ein fried­li­ches Fest, und ei­ni­ge deut­sche Po­li­ti­ker hiel­ten So­li­da­ri­täts­re­den. Wie er­klä­ren Sie sich die plötz­li­che Ein­schät­zung von Grup Yorum als Si­cher­heits­ri­si­ko?

IC: Wir hat­ten für das am 14. No­vem­ber ge­plan­te Kon­zert in Ober­hau­sen Vi­s­ums­an­trä­ge ge­stellt. Üb­ri­gens nicht zum ers­ten Mal, drei­mal gab es kei­ner­lei Pro­ble­me mit der Or­ga­ni­sa­ti­on des Kon­zerts, aber in die­sem Jahr wurde unser An­trag vom deut­schen Kon­su­lat in der Tür­kei zu­nächst ein­mal völ­lig igno­riert. Wir blie­ben ohne Nach­richt und haben dann mit Nach­druck bei den deut­schen Be­hör­den nach­ge­fragt. Schließ­lich wurde uns mit­ge­teilt, daß uns die Ein­rei­se ver­wei­gert wird. Das amt­li­che Schrei­ben be­stand im Grun­de aus einer Auf­lis­tung der for­ma­len Grün­de für eine Vi­sums-
ver­wei­ge­rung, die ei­gent­lich für jeden gel­ten. Zwei Be­grün­dun­gen waren je­doch mar­kiert und gal­ten ins­be­son­de­re für Grup Yorum. Der Haupt­grund dafür, daß wir kein Visum er­hiel­ten, war, daß die Leute, die zum Kon­zert nach Deutsch­land rei­sen woll­ten, als nicht glaub­wür­dig ein­ge­stuft wur­den. All un­se­re Vor­be­rei­tun­gen, ein gan­zes Jahr der Kon­zert­ar­beit, waren mit einem Mal nich­tig ge­wor­den.

SB: Ist die Be­set­zung, die heute hier auf­ge­tre­ten ist, von der Tür­kei aus nach Deutsch­land ge­kom­men?

IC: Nein, das sind Men­schen, die hier seit lan­gem leben und Grup Yorum un­ter­stüt­zen. Sie ken­nen alle Lie­der der Grup­pe. Ich selbst habe seit sie­ben Jah­ren po­li­ti­sches Asyl in Deutsch­land und kann nicht in die Tür­kei rei­sen. Wir haben hier in Deutsch­land sehr viele Freun­de, die das, was Grup Yorum tut, schät­zen, und wis­sen, wie wich­tig un­se­re Musik ist. Diese Men­schen wür­den die re­vo­lu­tio­nä­re Tra­di­ti­on von Grup Yorum unter allen Um­stän­den auf­recht­er­hal­ten, auch wenn man ihnen mit Ver­haf­tung dro­hen würde.

SB: Könn­te man sagen, daß Grup Yorum zwar aus einem fest­ge­leg­ten Kol­lek­tiv be­steht, aber den­noch eine of­fe­ne Mit­glie­der­struk­tur be­sitzt?

IC: Grup Yorum be­steht aus 14 Stam­mit­glie­dern, aber zur Ge­samt­struk­tur ge­hö­ren auch der Chor, die Aus­zu­bil­den­den und all die Freun­de, die uns un­ter­stüt­zen. So ge­se­hen än­dert sich die Struk­tur immer wie­der, aber zu­gleich ist sie ein Sym­bol dafür, daß die Grup­pe in ihren Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten offen ist.

SB: Grup Yorum ist in der Tür­kei sehr po­pu­lär. Kon­zer­te mit meh­re­ren hun­dert­tau­sen­den Zu­schau­ern sind keine Sel­ten­heit. Den­noch ist die Grup­pe hier in der her­kunfts­deut­schen Be­völ­ke­rung, wie sich auch in Ober­hau­sen ge­zeigt hat, kaum be­kannt. Liegt das an kul­tu­rel­len Vor­be­hal­ten oder po­li­ti­schen Schran­ken?

IC: Wir sind offen für alle Völ­ker und Kul­tu­ren, aber wenn wir wie in Ober­hau­sen ein Kon­zert gegen Ras­sis­mus geben, müs­sen wir erst ein­mal zu den Men­schen gehen, die damit kon­fron­tiert sind, und für sie eine Lö­sung fin­den. Das be­trifft in ers­ter Linie na­tür­lich Men­schen aus un­se­rem Volk und die Flücht­lin­ge, die jetzt hier in Eu­ro­pa leben. Auch wenn sich die Po­li­tik im Au­gen­blick hin­ter na­tio­na­le Gren­zen zu­rück­zieht, ver­fol­gen wir den­noch ein in­ter­na­tio­na­lis­ti­sches Ziel. Wir wür­den auch gern mit deut­schen Grup­pen zu­sam­men­ar­bei­ten. So tre­ten auf Grup Yo­rum-Kon­zer­ten durch­aus auch in­ter­na­tio­na­le Gäste auf.

SB: Könn­ten Sie etwas zur Re­pres­si­on sagen, unter der Grup Yorum in der Tür­kei zu lei­den hat?

IC: Um es ganz offen zu sagen, die Re­pres­si­on gegen uns ist in der Tür­kei nicht an­ders als hier, teil­wei­se ist die Si­tua­ti­on al­ler­dings noch schlim­mer. 2015 fei­er­ten wir unser 30jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um. Zu die­sem Zweck woll­ten wir in fünf Städ­ten Auf­trit­te in Sta­di­en or­ga­ni­sie­ren, was uns je­doch ver­bo­ten wurde. Weil uns keine Sta­di­en zur Ver­fü­gung ge­stellt wur­den, haben wir Kon­zer­te unter frei­em Him­mel ab­ge­hal­ten. Und was war die Folge? Statt in einem Sta­di­on, wie es von uns ge­plant war, ein Kon­zert für 70.000 Zu­schau­er aus­zu­rich­ten, sind am Ende 750.000 Men­schen ge­kom­men. Tat­säch­lich haben die tür­ki­schen Be­hör­den mit ihrem Ver­bot etwas ganz an­de­res er­reicht. Wir wer­den die Will­kür des Staa­tes nie­mals ak­zep­tie­ren. Na­tür­lich müs­sen wir dabei be­den­ken, daß wir in einem fa­schis­ti­schen Land leben, wo täg­lich Kin­der ster­ben. Damit diese Un­ter­drü­ckung eines Tages endet, müs­sen wir als Grup­pe be­reit sein, mit allen Kon­se­quen­zen zu leben. Eines un­se­rer Bandmit­glie­der ist vor zwei­ein­halb Jah­ren ver­haf­tet wor­den. Und als wir neu­lich gegen die Mas­sa­ker in Kur­dis­tan pro­tes­tier­ten, wur­den wie­der Mit­glie­der von uns fest­ge­nom­men. Mit die­ser Rea­li­tät sind wir als Mu­sik­grup­pe jeden Tag kon­fron­tiert.

SB: Grup Yorum ist in einer Weise po­li­tisch kon­se­quent, wie man es bei Mu­si­kern, deren Mo­ti­va­ti­on oft an Er­folg und Plat­ten­ver­käu­fe ge­bun­den ist, eher nicht ver­mu­ten würde. In wel­chem po­li­ti­schen Kon­text steht das Be­kennt­nis von Grup Yorum gegen Fa­schis­mus und Ras­sis­mus?

IC: Na­tür­lich gibt es auf dem Un­ter­hal­tungs­sek­tor Mu­si­ker, die nur für Geld ar­bei­ten. Bei uns ist es nicht so. Wir sind So­zia­lis­ten und Re­vo­lu­tio­nä­re und haben ein Ziel. Wir wol­len mit un­se­rer Musik etwas ver­än­dern. Wenn wir un­se­re Musik ma­chen, bei der es na­tür­lich auch um Liebe und Freu­de geht, dann dür­fen wir nie­mals ver­ges­sen, daß es auf die­ser Welt Armut und Krie­ge gibt. Un­se­re Lie­der sind ein Aus­druck von den Pro­ble­men in die­ser Welt. Wir er­in­nern in un­se­ren Lie­dern aber auch an die Kämp­fe in un­se­rer Ver­gan­gen­heit und die Fol­gen, die sie für die Men­schen hat­ten. Es ist wich­tig, die ei­ge­ne Kul­tur und Ver­gan­gen­heit nicht zu ver­ges­sen, weil wir sie für un­se­re Zu­kunft brau­chen. Wir glau­ben daran, daß sich die Welt än­dern wird, und daß un­se­re Musik einen Bei­trag dazu leis­tet.

SB: Herr Ci­be­lik, vie­len Dank für das Ge­spräch.

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