Mark Kennedy: der Maulwurf von Tarnac

Während sieben Jahren und in ganz Europa hat sich der britische Polizist Mark Kennedy als Linksradikaler ausgegeben. In Frankreich hat er die DCRI [Leitstelle des Inlandsgeheimdienstes der französischen Regierung, d.Übers.] mit Informationen über die Beschuldigten von Tarnac gefüttert.
Erzählung einer Infiltration.

Sein großer blonder Körper mit Tattoos auf den Armen, sein Haarzopf und seine kleinen schielenden Augen haben ihn im Januar 2011 in britischen Zeitungen zur Nummer Eins gemacht. Mark Stone, militanter linker Internationalist. Aber Kleider machen keinen Rebell: Unter der falschen Identität von Stone verbirgt sich der Polizist Mark Kennedy.

Von 2003 – 2010 hat er die radikale Linke in Großbritannien und Europa infiltriert (vgl. www.powerbase.info/index.php/Mark_Kennedy:_A_chronology_of_his_activities). Er hat undercover gelebt, unter Öko-AktivistInnen, GlobalisierungsgegnerInnen, AnarchistInnen und AntifaschistInnen; er hat ihr Essen, ihre Feste, ihre Demos geteilt, manchmal ihre Betten. Sie haben ihn enttarnt und seinen Verrat beendet, aber zu spät. Alles, was sie gemacht und gesagt hatten während 7 Jahren, war bereits in den Händen der Polizei.
Stone hat auch in Frankreich operiert. Er scheint sogar eine wichtige Rolle in der Tarnac-Affaire gespielt zu haben.

In mehreren europäischen Ländern hat seine Rolle als Verdeckter Ermittler Skandale provoziert, (vgl. „Undercover police officer Mark Kennedy at centre of international row. Questions asked over officer in German and Irish parliaments as new allegations of sexual activity surface“ www.guardian.co.uk/environment/2011/jan/12/activism-protest). In Frankreich bleiben seine Aktivitäten unklar, seine Rolle wurde verkannt.
Die Infiltration beginnt 2002. Mark Kennedy, seit 8 Jahren Polizist in London, tritt der „National Public Order Intelligence Unit“ bei, einer britischen Einrichtung, die die „einheimischen Extremisten“ überwacht (AnarchistInnen, Tierschutzbewegung).

Seine Mission beginnt 2003: Er soll sich in der radikalen Umweltschutzbewegung einnisten und dort das Vertrauen der AktivistInnen gewinnen. Er zieht Bermudas an, bindet seine Haare zusammen und begibt sich allein aufs Camp der Umweltschutzbewegung „Earth First“. Dort macht er sich Freunde und unterstützt ihre Sache, auch mit Geld. Er gibt an, sein Leben mit professionellem Klettern im Ausland zu verdienen.
Im Jahr 2009 wächst das Misstrauen bei den AktivistInnen

Mit den britischen UmweltschützerInnen debattiert, demonstriert, tanzt und trinkt er. Niemand zweifelt an seiner Militanz, er ist immer bereit, ein Transparent an einem Stromkraftwerk aufzuhängen oder seine GenossInnen mit seinem blauen Pickup an einen Aktionsort zu bringen.
Während 7 Jahren reist er. Nach einem Bericht der britischen Polizei (vgl. www.hmic.gov.uk/publication/review-of-national-police-units-which-provide-intelligence-on-criminality-associated-with-protest-20120202/) infiltriert und spioniert er in 11 Ländern: bei internationalen Treffen, Klima-Camps, in alternativen Dörfern, bei Gegengipfeln.

Im Jahr 2009 – trotz 6-jähriger perfekter Integration – beginnen ihm AktivistInnen zu misstrauen. Im April werden 27 AktivistInnen verhaftet wegen des Plans, in ein Kohlekraftwerk einzudringen. Mark ist der einzige, der nicht rechtlich belangt wird. Im Oktober 2010 findet seine Geliebte, eine Aktivistin, in seiner Tasche einen Pass auf den Namen Mark Kennedy. Sie vertraut sich ihren GenossInnen an. Zusammen recherchieren sie und finden Dokumente, die seine falsche Identität bestätigen – sie begreifen, dass ihr Genosse Polizist ist. Eines Morgens befragen ihn sechs Personen mehrere Stunden lang in einem Haus in Nottingham, bis er gesteht. Sie lassen ihn ziehen und unterrichten den „Guardian“, der daraufhin die Bespitzelung in der radikalen Linken durch die britische Polizei enthüllt.

Mit einem Bein in Tarnac

Welchen Schaden hat er hinterlassen? Während der ganzen Wirkenszeit von Mark Kennedy waren die europäischen Polizeien vernetzt. Sie haben über die Bewegungen der international aktiven AktivistInnen ein Maximum an Informationen ausgetauscht, haben bei Gegengipfeln unüberwindbare Sicherheitsvorrichtungen platziert; sie haben aus nächster Nähe diejenigen Bewegungen überwacht, die sie für potentiell destabilisierend oder terroristisch hielten. Kennedy als Teil dieses heimlichen Netzes hat AktivistInnen in Deutschland, Island, Italien, Spanien und Frankreich überwacht.

So hat er auch einen Fuß in die Tarnac Affaire bekommen. Wir erinnern uns an die Geschehnisse des Novembers 2008: Die französische Antiterroreinheit stürmt einen Bauernhof in Tarnac (in der Corrèze) und verhaftet dort und in anderen Dörfern 20 Personen. Sie werden eines staatsfeindlichen Komplotts verdächtigt, weil sie an den Schienen der französischen Bahnlinie SNCF Sabotage begangen haben sollen. Gegen 10 Personen werden Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Im April 2008, als die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen zur Gruppe von Tarnac eröffnet, gibt es nur sehr wenig Material. Dieses Material stammt aus Erkenntnissen des französischen Geheimdienstes über einige der AktivistInnen. In diesen Akten gibt es mehrere Informationen, die von Mark Kennedy stammen, der auch für die französische Polizei gearbeitet hat. Der Spitzel hat mindestens drei Mal Leute aus Tarnac gekreuzt. Jedes Mal haben seine Beobachtungen eine Spur in den behördlichen Akten gegen die mutmaßlichen „Verschwörer“ hinterlassen.

„Wir betrachten es als stark wahrscheinlich, dass er eine sehr wichtige Rolle gespielt hat,“ bestätigt Joseph Breham, einer der Rechtsanwälte der Beschuldigten.
Der erste Kontakt von Mark mit den Tarnac-Leuten fand im Februar 2007 in Warschau statt. An einem Freitag haben sich etwa 200 AktivistInnen aus ganz Europa in einer öffentlichen Halle getroffen, um über Aktionen gegen den G8 in Heiligendamm im folgenden Juni zu entscheiden.

Ein 30jähriger französischer Autonomer hat an der Versammlung teilgenommen. Er beschreibt uns die Örtlichkeit:“Das war eine Art Soziales Zentrum. Wir befanden uns in einem Saal, wo sonst oft Konzerte stattfinden.“ Nichts Geheimes: Alle Diskussionsthemen sind an Wandbrettern angeschlagen und auf Indymedia veröffentlicht. „Das war mehr als offen“, fügt unser Zeuge zu. Kein Projekt eines klandestinen schwarzen Blocks. In der Menge der GlobalisierungsgegnerInnen waren AktivistInnen des Netzes „Dissent“, von „Die Linke“ und fünf Personen der „Gruppe von Tarnac“.

Über die Art der Gegenmaßnahmen zu G8 gingen die Strategien auseinander. „Seit Seattle und Genua fand eine systematische Diskussion statt: Muss man sich der roten Zone nähern, den Zutritt zum Gipfel blockieren, andere Sachen machen?“ Die europäischen Polizeikräfte, die an den Gipfelprotesten zusammen gezogen waren, verschärfen jedes Jahr ihr Sicherheitsdispositiv. Es wird für die AktivistInnen immer schwieriger, an die Orte heranzukommen. Dies war der Grund, warum die fünf Franzosen von Tarnac einen Plan B vorschlugen: ein Überraschungs-Coup in Hamburg oder Berlin, weit weg vom Gipfel, dort, wo die Polizeikräfte nicht sowieso schon stationiert sein würden. In der Halle hört ihnen Mark Stone zu. Er war mit den britischen UmweltschutzaktivistInnen angereist.

„Unsere einzige Verbindung mit Polen war jenes Treffen“

Ein Jahr später, im Juni 2008, übermittelt der französische Geheimdienst dem Innenminister unter der Geheimhaltungsstufe „VS-Vertraulich“ einen Bericht mit dem Titel: „Du conflit anti-CPE à la constitution d’un réseau préterroriste international : regards sur l’ultragauche française et européenne“ Vom Protest gegen den CPE1 hin zur Bildung eines vor- terroristischen internationalen Netzwerkes. Ein Blick auf die französische und europäische extreme Linke“ [publiziert im März 2012 vom investigativen Internetmagazin Mediapart, d.Übers.]

In diesem Bericht werden drei Personen von Tarnac schwarz auf weiß zitiert, TeilnehmerInnen des Warschauer Treffens gewesen zu sein. Das Dokument bezeichnet sie als „erster Kreis“ einer „informellen linksradikalen autonomen Gruppe“, die militante Aktionen in Europa vorbereitet.
Zur gleichen Zeit verlangt die französische Polizei die Eröffnung einer Vorermittlung gegen die Tarnac-Gruppe. In ihrer Anfrage an den Staatsanwalt zeigt sich die Polizei beunruhigt über „internationale Treffen der anarcho-autonomen Bewegung“ und zitiert als erstes Beispiel dasjenige von Polen.

Für die Beschuldigten von Tarnac ist sicher: Mark Stone hat ihre Teilnahme in Warschau der französischen Polizei weiter gegeben. Einer von ihnen erklärt uns: “Der Beginn der polizeilichen Verfolgung gründet auf den uns unterstellten Verbindungen mit dem Ausland. Unsere einzige Verbindung zu Polen ist jenes Treffen, wo auch Stone teilgenommen hat. Andere Informanten hätten unsere Teilnahme in Polen ebenfalls weitergeben können, aber es hat sich dauernd wiederholt: Jedes Mal, wenn Stone unsere Wege irgendwo gekreuzt hat, sind Vermerke über uns in den Polizeiakten gelandet.“ Er erinnert sich an den infiltrierten Polizisten: „Wenn du seine Fresse gesehen hast, dann erinnerst du dich. Er hatte ein Auge, das irgendwohin guckte, er war ein wenig älter als die meisten Teilnehmenden und er sprach Englisch mitten unter deutschen und polnischen Leuten.“

„Von dem Moment an, wo er entscheidet unter uns zu leben, ist das unentdeckbar!“
Joel*, französischer Aktivist von Dissent!, aktiv in der Organisation des Gegengipfels, nahm am Treffen in Warschau statt. Er hatte Stone bemerkt, weil er ihm schon während der Vorbereitungen zum Gegengipfel in Gleneagles 2005 begegnet war. „Für mich war Mark einer der Leute, die Dissent! In Großbritannien gegründet hatten. Ich bin ihm in London begegnet in einem besetzten Haus, das er mit Freunden aufgemacht hatte. Ich habe mit ihm nicht wirklich gesprochen. Er war keiner von denen, zu dem man leicht Zugang hatte: Er war sehr britisch, ein wenig zurückgezogen.“

Als der Spitzel vier Jahre später 2010 enttarnt worden ist, kann Joel es nicht fassen. „Man sagt, dass man die Leute gut kennen sollte, um ein Einsickern zu vermeiden. Aber in dem Moment, wo einer entscheidet, so zu leben wie wir, unter uns zu sein über Jahre, ist das nicht entdeckbar. Niemand hatte auch nur den geringsten Zweifel an seiner Person.“

Unentdeckbar, unentdeckt baut Mark Stone sein Nest in den kleinen Zirkeln dieser so vorsichtigen AktivistInnen. Ein Jahr nach Warschau, im Januar 2008, ist man sich wieder begegnet, in New York. Begleitet von einem amerikanischen anarchistischen Freund, der in Großbritannien lebt, hält er sich im Büro einer New Yorker Aktivistin in Manhatten auf. Ein anderer Amerikaner, ein in den USA wohnhafter Japaner und zwei Franzosen gesellen sich zu ihnen: Julien Coupat und seine Partnerin Yldyne Levy, die ihre Ferien in New York verbrachten. Sie kannten nur den amerikanischen Freund von Mark. Dieser lud sie ein, seine Genossen zu treffen.

„Das sind Kumpels von Kumpels aus verschiedenen Ländern, mit gemeinsamen Interessen, die sich am selben Ort treffen und einige Stunden diskutieren“, erklärt ein naher Freund von Julien Coupat. „Alle machen das“. Welche Erinnerungen hatten die Teilnehmenden dieses Treffens an Mark Stone? „Er war immer unauffällig, mit seinen Tatoos und Piercings war er wie ein Fisch im Wasser“.

Wie der Zeuge berichtet, hatte der Spitzel erklärt, er wäre nach New York gekommen, „um seinen Bruder zu sehen“. Während des Treffens macht Julien Coupat einige Vermerke in sein Tagebuch. An diesem Tag kritzelt er den Vornamen „Mark“.

Einige Tage danach kehren Julien und Yldune nach Frankreich zurück. Dafür überqueren sie illegal die grüne US- kanadische Grenze, mitten in der Natur, weit weg von jeden Grenzbeamten. Warum? Um in die Vereinigten Staaten zu gelangen, hätten sie einen biometrischen Pass besitzen und dort ihren elektronischen Fingerabdruck hinterlassen müssen. Weil sie dies abgelehnt haben, haben sie die Grenze durch den offenen Wald nach Kanada überquert, wo keine Fingerabdrücke verlangt werden. Bei der Hinreise gab es keine Probleme. Bei der Rückkehr wurden sie von amerikanischen Genossen im Auto ganz nah an die Grenze gefahren, die sie dann zu Fuß queren sollten, um auf der kanadischen Seite wieder ins Auto aufgenommen zu werden. Aber noch bevor sie sich wieder treffen konnten, kontrollierte die kanadische Polizei das Auto. Sie entdeckte den Rucksack von Julien, seinen Führerschein, sein Notizheft und Fotos vom Times Square. Als sie begriffen, dass der Franzose die Grenze illegal überquert haben musste, beschlagnahmte die Polizei seine Sachen, um sie ihm danach wieder zurück zu geben.

Wer konnte den Aufenthalt der französischen Leute in Manhattan dem Nachrichtendienst weitergeben?
Vier Monate später in Frankreich beantragt die Antiterror-Abteilung der Kriminalpolizei SDAT beim Staatsanwalt eine Vorermittlung gegen die Tarnac-Gruppe, deren Mitglieder bisher noch nie verhaftet worden waren. Die Antiterror-Kräfte begründen ihr Vorgehen mit dem Konstrukt einer „klandestinen anarcho-autonomen Struktur, die konspirative Beziehungen mit Aktiven derselben Ideologie pflegt, die im Ausland angesiedelt sind“.

Um dies zu beweisen, zitiert die Polizei die Amerika-Reise von Julien Coupat und Yldune Levy, ihre heimliche Grenzüberquerung und ihre Teilnahme an einem „Treffen mit amerikanischen Anarchisten in New York.“ Sie beschwören sogar einen Brandsatz gegen ein Rekrutierungszentrum der amerikanischen Armee am Times Square herauf, für den die Suche nach Schuldigen bisher erfolglos geblieben war. Die amerikanische Polizei hat aber von einer Beteiligung an diesem Angriff durch die Franzosen Abstand genommen, da die beiden die USA ja bereits verlassen hatten.

In ihrem Brief an den Staatsanwalt bekräftigt die Polizei, dass ihr diese Informationen durch die Nachrichtendienste zugetragen worden sind. Wie aber konnte dem Geheimdienst der Aufenthalt der zwei Franzosen an einem kleinen anarchistischen Treffen in Manhatten verraten werden. Die Beschuldigten bestätigen, dass sich ihr Verdacht auf Mark richtet. Einer der zwei präzisiert: „Die an diesem Tag anwesenden Amerikaner wurden danach durch die Polizei belästigt: Deshalb können sie nicht diejenigen sein, die die französische Polizei informiert haben. Es bleiben der Japaner und Mark Stone. Nach allem, was man bis heute über ihn weiß, dann folgere ich daraus, dass die Information von Stone kommt.“

1 CPE „Contrat Première Embauche = Erstanstellungsvertrag; Gesetzesinitiative, nach der ArbeitnehmerInnen bis 26 die ersten zwei Jahre ohne Kündigungsschutz arbeiten sollen. Dieser Vorschlag löste 2006 massive Proteste in Frankreich aus.

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Übersetzung eines Artikels des französischen Kulturmagazin Les Inrockuptible

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