Nachruf auf einen Grenzgänger

Prolog:
In Ermangelung Brecht’scher Fähigkeiten muß jedes Bemühen, Pjotrs Leben und Persönlichkeit auf so begrenztem Raum unterzubringen, unzureichend bleiben.

 

Hier trotzdem ein Versuch:

 

Pjotr,
Ein proletarischer Intellektueller, beides durch und durch
Ein Individualist, der gut in Kollektiven arbeiten konnte
Einer, der kompromißfähig seine Linie durchgezogen hat
Ein geschichtsbewußter Traditionalist, der nonkonform im Hier und Heute lebte
Ein Geschichtenerzähler, der aus dem Faktischen schöpfte
Einer, für den Ratio und Leidenschaft keine Widersprüche waren
Einer, der mit viel Humor sehr ernsthaft mit den Dingen umging
Einer, auf den man sich verlassen konnte
Pjotr,
Einer, der fehlen wird.

chotjewitz_vaIn Villen war er nie so zuhause wie in verrauchten Spelunken, machte aber auch dort eine gute Figur. Eindimensionalität war nicht sein Ding. Zuhause war er überall dort, wo sein Herz war.
Er hatte eine proletarische Kinderstube und dies auch nie vergessen. Aus eigenem Antrieb und Bedürfnis hat er sich über das hinaus entwickelt, was die deutsche Klassengesellschaft für einen wie ihn vorsah.

Geboren 1934 in der großen Stadt als Sohn eines Malermeisters und einer Kontoristin, er-lebte er als Kind und Jugendlicher auch die Kleinstadt und das Dorf. Als Junge erfuhr er in Berliner Kellern, was Bombenkrieg bedeutet und auf der Flucht vor der Roten Armee aus dem brandenburgischen Prenzlau, wohin er mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder evakuiert war, wußte er, wie man sich bei einen Tieffliegerangriff verhält. Prägende Erlebnisse.

Nach dem Krieg zog seine Familie in ein nordhessisches Dorf und er absolvierte eine Anstreicherlehre bei seinem Vater. Nach der Gesellenprüfung arbeitete er auf dem Bau und holte parallel am Abendgymnasium das Abitur nach.Es folgte ein Studium der Jurisprudenz, später ein zweites Studium der Publizistik, Geschichte und Philosophie. 1965 legte er die zweite juristische Staatsprüfung ab. Danach lebte er als freier Schriftsteller, zog 1967 nach Italien und kehrte 1974 in die BRD zurück.

Schon als junger Mann hatte er sich mit der Schreiberei versucht, diese Versuche dann aber erst mal wieder auf Eis gelegt. Nach seinen ersten Besuchen in Opern (die schwer Eindruck auf ihn machten), meinte er, Musiker werden zu wollen und erlernte das Klavierspielen und Komponieren. Schlußendlich ist es wohl einem Klavierlehrer, der ihm mangelndes Talent bescheinigte zu verdanken, daß Pjotr endgültig bei der Literatur gelandet ist. Seine Liebe zur Oper hat er sich zeitlebens erhalten.
Er hat eine lange Liste von Romanen, Erzählungen, Dokumentationen, Zeitungsartikeln und Hörspielen produziert, war als Herausgeber und Übersetzer aus dem Italienischen tätig.

Pjotr liebte die Frauen, war zweimal verheiratet und hat sich um seine Kinder gekümmert. Gutem Essen, ‚nem anständigen Schluck und so manchem Joint war er freundschaftlich zugetan. Ähnlich konnte er die Architektur und die Malerei genießen. Und natürlich Geschichte(n).

Nicht zuletzt durch die Kriegserlebnisse hatte er früh begriffen, was Politik bedeutet. Schon als Geselle hat er sich gewerkschaftlich organisiert, damals noch in der IG Bau, später als Schriftsteller in der IG Druck und Papier bzw. Ver.di. Eine Zeitlang war er sowohl im Bundesvorstand des (west-)Deutschen Schriftstellerverbandes als auch Mitglied im West-PEN. Er war durchaus streitbar und kein müheloser Mensch, was Einige im Literaturbetrieb nicht nur in Form feinsinniger Ironie zu spüren bekommen haben.

Pjotr war einer von den heutzutage seltenen Linken, die Kultur , Geschichtsbewußtsein und (auch daraus resultierend) Politikverständnis als Einheit ansahen und lebten.
Als Anarchist und Hedonist störte es ihn nicht sonderlich, wenn ihn dieser oder jene als Stalinist beschimpfte. Er hat sich darüber, in der ihm eigenen Art, eher amüsiert.
Sprach man ihn aber auf die Rolle der Sozialdemokratie und deren Mechanismen an, dann war Schluß mit lustig. Er hatte nichts gegen einfache Parteimitglieder, die Sozialdemokratie an sich aber war ihm ein Greuel. Das hatte er aus der Geschichte und eigenen Erfahrungen verinnerlicht.

Mit der Waffe in der Hand hat er nicht gekämpft, seine Waffen waren ein universell gebildeter Verstand und die Sprache. Den bewaffneten Kampf vieler Linker aber hat er solidarisch-kritisch unterstützt, bis hin zu logistischer Hilfe, drinnen wie draußen. Mit etlichen ehemaligen Gefangenen pflegte er Kontakte und Freundschaften bis zuletzt.
Der Preis für diese Haltung war neben einiger staatlicher Repression auch, daß er im Literaturbetrieb zur Persona non grata wurde. Das war für ihn nicht leicht, seine Haltung aber hat es nicht in Frage gestellt.

Wahrscheinlich war er der einzige, der in bezug auf die RAF-Toten in Stammheim hierzulande öffentlich und bei jeder passenden Gelegenheit von „Mord“ reden und schreiben konnte, ohne dafür juristisch belangt zu werden. Die Herren des Morgengrauens ahnten wohl, daß der Versuch, ihm dafür den Prozeß zu machen, nach hinten losgehen würde.

Für Pjotr war Geschichte nichts Totes, Vergangenes, sondern lebendige Gegenwart. In dem Sinne sollten wir ihn mit uns tragen.

(Voraussichtlich 2011 werden im Verlag „Büchse der Pandora“ quasi letzte Erzählungen von Pjotr in Form autobiographischer Skizzen erscheinen, mit denen er noch zuletzt beschäftigt war.)

 

Harry Schulze

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