Wenn ein Kind stirbt  Kolumne von Mumia Abu-Jamal

Wenn ein Kind stirbt Kolumne von Mumia Abu-Jamal

Von Mumia Abu-Jamal, junge Welt 4.1.16

Kurz vor Weihnachten verbreiteten die Medien die Nachricht, dass die Staatsanwaltschaft von Cleveland (Ohio) entschieden hat, keine Anklage im Fall des am 23. November 2014 von einem Polizisten erschossenen 12jährigen Tamir Rice zu erheben.

Der Tod, die Ermordung eines Kindes hat etwas Erschütterndes an sich. Wenn ein Kind stirbt, bricht die natürliche Ordnung zusammen, die Sterne weinen und die Erde bebt. Wir haben uns schon so sehr an dieses System gewöhnt, dass wir es für natürlich halten, statt darin eine von Menschen geschaffene Zumutung zu sehen. Politiker buckeln vor sogenannten Polizeigewerkschaften und drücken für ein paar Beutel Silberlinge beide Augen zu, wenn ein Kind mit einer Dienstwaffe erschossen wird – besonders dann, wenn es ein schwarzes Kind ist.

Welche von Menschenhand geschaffene Institution könnte kostbarer sein als ein Kind? Welches Amt? Welcher Staat? Wenn ein Kind stirbt, verdient es kein Erwachsener, die Atemluft, die diesem Kind gestohlen wurde, einzuatmen. Wenn ein Kind stirbt, dürfen die Lebenden nicht eher ruhen, bis die Gesellschaft von dem Gift gereinigt ist, mit dem jemand diesem Kind etwas zuleide getan hat. Wenn ein Kind stirbt, läuft die Zeit rückwärts, um das Unrecht ungeschehen zu machen.

junge Welt – Halt deine Presse
Bewegungen in aller Welt sollten sich jetzt dazu aufgerufen fühlen, zu kämpfen wie noch nie zuvor, weil direkt vor unseren Augen etwas Abscheuliches passiert ist: Ein Kind wurde ermordet, und weil es ein schwarzes Kind ist, hat das in den Vereinigten Staaten von Amerika so gut wie keine Bedeutung.

Übersetzung: Jürgen Heiser
Mumias heutige Kolumne wäre beinahe nicht erschienen. Bevor sie auf der Home­page von Prison Radio veröffentlicht werden konnte, wurde ein Cyberangriff auf die Seite verübt. Dadurch wurde der Internetauftritt des unabhängigen Medienprojekts aus San Francisco derartig beschädigt, dass es bis Neujahr offline war.

Mumia Abu-Jamals Kolumnen erscheinen seit dem 16. Dezember 2000 wöchentlich in junge Welt. Nach meinen ersten Besuchen bei ihm im Todestrakt im Jahr 1990 erhielt ich seine zur Veröffentlichung bestimmten Texte noch in handschriftlicher Form per Post. 1992 nahm Noelle Hanrahan von Prison Radio zum ersten Mal einen Text von ihm auf Band auf und verschickte Abschriften via Post und Fax. Erst seit Ende der 1990er Jahre ist es möglich, die Audiodateien mit Mumias Stimme im Internet auf Prison Radio sowie im Rundfunk bei Democracy Now! zu veröffentlichen.

Prison Radio braucht jetzt außer internationaler Solidarität auch finan­zielle Unterstützung für den Aufbau und Schutz seiner neuen Anlagen (kurzlink.de/­prison).

Jürgen Heiser

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