Bizarres Schauspiel kolonialer Armutsbekämpfung

Seit dem 21. November 2010 müssen sich zehn Jungen und Männer aus Somalia vor dem Landgericht Hamburg wegen Angriffs auf den Seeverkehr sowie versuchten erpresserischen Menschenraubs verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, am 5. April 2010 den Frachter „Taipan“ der Hamburger Reederei Komrowski rund 530 Seemeilen vor der Küste Somalias in ihre Gewalt gebracht zu haben, in der Absicht, die Besatzung als Geiseln zu nehmen und Lösegeld zu erpressen. Die 13köpfige Besatzung konnte sich indes in Sicherheit bringen und einen Notruf abgeben. Sie wurden von einem niederländischen Kriegsschiff im Dienste der EU-Militärmission ATALANTA befreit, und die Somalis verhaftet. Dabei wurden fünf Maschinengewehre und zwei Raketenwerfer samt Munition sowie zwei Enterhaken sichergestellt. Die Somalis wurden zunächst nach Amsterdam gebracht, und auf Antrag der Staatsanwaltschaft Hamburg Anfang Juni nach Deutschland ausgeliefert. Ihnen drohen Strafen bis zu 15 Jahren Haft.

Einer der Beschuldigten gibt an, 13 Jahre alt, zwei weitere, minderjährig zu sein. Damit wäre der eine gar nicht strafmündig, und gegen die beiden anderen müsste ein Jugendgericht verhandeln. Die Staatsanwaltschaft zweifelte diese Angaben indes an, und ordneten eine medizinischen Untersuchung zur Altersfeststellung im Rechtsmedizinischen Institut am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) an. Dort wurde mittels fragwürdiger und durchaus auch in der Ärzteschaft umstrittener Methoden festgestellt, dass nur einer von ihnen eventuell erst 17 Jahre alt ist, die beiden anderen in jedem Fall das 18. Lebensjahr überschritten haben.

Derweil wird der Fall vor der Kammer für Verkehrsstraftaten verhackstückt, die zugleich auch Jugendkammer ist.

Deren Namen klingen fremd in den Ohren des Richters Bernd Steinmetz. Mehrfach lässt er die Beschuldigten diese buchstabieren, um sie auch richtig zu verstehen. Auch die Sitten und Gebräuche in dem Land, aus dem sie kommen, sind gelinde formuliert anders als hierzulande: „Während des Regens“ sei er zur Welt gekommen, sagt ein Somali. „Unter einem Baum“ ein anderer.

Kein jährliches Wiegenfest mit Geburtstagstorte und Kerzen je nach Anzahl der Lebensjahre auspusten, sondern jeden Abend das gute Gefühl, diesen Tag überstanden zu haben, mit Glück sogar mit vollem Magen, und jeden Morgen die bange Ungewissheit, den Abend überhaupt zu erleben. Das ist die Lebensrealität der jungen Männer und Jugendlichen, die in einem Hamburger Gericht auf der Anklagebank sitzen. Sie kommen aus einem Land, in dem 60% der Bevölkerung weder Lesen noch schreiben können, 40% auf Nahrungsmittelverteilung der UN angewiesen sind und in dem 1,5 Millionen Menschen sich als Inlandsflüchtlinge durchschlagen müssen.

Eine Ursache für das Elend in Somalia ist neben dem andauernden Krieg der internationale Fischraub: Fischtrawler aus Japan, den USA und Europa fischen die Meere leer, und zerstören dabei nicht nur die Lebensgrundlage der somalischen Fischer, sondern auch deren Equipment, Netze, Boote, etc. So dass sie, selbst wenn die Fischbestände sich erholen würden, keine Möglichkeit mehr hätten, ihrem eigentlichen Beruf nachzugehen.

So werden sie leichte Beute für mafiöse Banden, die aus dem anfänglichen Abwehrkampf der Fischtrawler längst einen eigenen lukrativen Geschäftszweig entwickelt haben. Denn eines ist sonnenklar bei diesem bizarren Schauspiel kolonialistischer Armutsbekämpfung, dessen zweiter Akt seit dem 21. November 2010 vor dem Hamburger Landgericht aufgeführt wird: die Beschuldigten sind arme Schlucker, denen durch Krieg und Überfischung die Existenzgrundlage vernichtet wurde, eine spezielle Form von Söldnern, die sich von organisierten Banden anheuern ließen, um das Überleben für sich und ihre Familien zu sichern. Sie sind die Bauernopfer, die in eine Westmetropole verschleppt und vor den Kadi gestellt werden, weil die eigentlichen Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden können – oder sollen.

Die Reeder scheinen nicht so sehr an den Hintermännern interessiert zu sein, als an harten Strafen für die Somalis. So forderte der Geschäftsführer der Reederei Komrowski, Roland Höger, im Hamburger Abendblatt die „härtesten Methoden“.

Dabei blicken die hanseatischen „Pfeffersäcke“ auch nicht eben auf eine ruhmreiche Tradition zurück: Ihre Wurzeln gehen auf Dreieckshandel zurück, den über den Atlantischen Ozean betriebenen Warenhandel zwischen Europa, Afrika und Amerika. Im Klartext heißt das, dass aus Afrika Sklaven in die USA verbracht wurden, aus den USA die Baumwolle, die die Sklaven auf den Cottonfields pflücken mussten, nach Europa gebracht, und dort verarbeitet wurden. Die Produkte daraus wurden mitverschifft, und so ganz nebenbei noch munter Waffenhandel betrieben.

In diese Tradition ist die 1923 gegründete Reederei Komrowski indes nicht zu stellen. Allerdings fällt auf, dass das Unternehmen während der Zeit des deutschen Faschismus stark expandierte: von 1934 bis 1940 wurde die Flotte von fünf auf zwölf Schiffe erhöht – und damit mehr als verdoppelt. Seit 1972 flaggt Komrowski aus. Dazu wurden in Curacao auf den Niederländischen Antillen eigens zwei Tochterfirmen gegründet, dadurch erhielten einige Schiffe niederländische Flaggen. Andere wurden nach Liberia ausgeflaggt. Niederländische Anwälte fanden im Zusammenhang mit den somalischen Gefangenen heraus, dass den Angaben im Internet zufolge die „Taipan“ mal als deutsches Schiff auftaucht, dann wieder unter der Flagge Liberias oder Bahamas geführt wird.

Das Ende des Prozesses ist derzeit noch nicht abzusehen. Noch wird primär die Frage des Alters der Beschuldigten diskutiert. Die Anwälte versuchen, die Fragwürdigkeit der Methoden, mit denen Ärzte die Fleischbeschau durchführen, und davon das Alter eines jungen Menschen ableiten zu können glauben, vor Gericht zu diskreditieren. Sollte ihnen das gelingen, wäre damit ein Meilenstein in der Asylpolitik gelegt: denn auch jugendliche Flüchtlinge werden häufig um ihre Rechte gebracht, indem sie einfach höchst „wissenschaftlich“ zu Erwachsenen gemacht werden.

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