Eva Maria Michelmann berichtet über fünf Monate in den HTS-Gefängnissen

Im Januar wurde die Journalistin Eva Maria Michelmann von HTS-Kräften in Syrien entführt. Im Interview berichtet sie von strenger Isolationshaft, medikamentöser Betäubung, sexueller Belästigung und Todesdrohungen. Außerdem fordert sie vom deutschen Staat den Einsatz für die Freilassung von Ahmet Polad.
Eva Maria Michelmann, freiwillige Korrespondentin von ETHA, wurde am 18. Januar in Raqqa zusammen mit ihrem Journalistenkollegen Ahmet Polad von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) entführt. Dank einer internationalen Kampagne konnte sie am 19. Juni nach Deutschland zurückkehren. Im Interview beantwortete sie uns nun einige Fragen.

Michelmann, die sich seit 2022 in Rojava aufgehalten hatte, schildert darin zum ersten Mal detailliert, was sich am 18. Januar in dem Gebäude ereignete, in dem sie Zuflucht gesucht hatten. Sie berichtet über die Gefängnisse, in denen sie festgehalten wurde, die Verhöre, denen sie unterzogen wurde, und beantwortet die Frage, ob sie sexuell gefoltert wurde. Zudem spricht sie über ihre Sorge um Ahmet Polad, der sich nach wie vor in der Gewalt der HTS befindet, und fordert den deutschen Staat auf, sich für den „gefährdeten kurdischen Journalisten“ einzusetzen.

Das Interview führte die Nachrichtenagentur Etha in türkischer Sprache. Hier erscheint nun eine deutsche Übersetzung.

Zunächst einmal: Wie geht es dir gerade, bist du bei guter Gesundheit?
Vielen Dank. Meine Gefühle und Gedanken sind bei den Menschen in Syrien, die noch immer vermisst werden, in Gefängnissen festgehalten oder ermordet wurden, sowie bei ihren Familien und Freund:innen. Ich vermisse Hesekê. Ich mache mir große Sorgen um die Familien und Freund:innen, die dort leben.

Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich Sie und die Öffentlichkeit so lange habe warten lassen. Nach monatelanger Isolationshaft habe ich etwas Zeit gebraucht, um zu begreifen, was sich in diesem Zeitraum alles ereignet hat, Familie und Freund:innen zu treffen, die monatelang damit gerechnet hatten, dass ich vielleicht tot sei, zur Stabilisierung meiner eigenen Situation sowie um all das, was ich erlebt habe, nun als freier Mensch besser zu begreifen. Aber ich kann euch nun nicht mehr länger warten lassen. Gleichzeitig fühle ich mich zum Schutz der Leben all derer, die in Syrien noch immer unter dem Terror der HTS leiden, in Gefängnissen gefoltert werden oder von Verschleppung und Tod bedroht sind, der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlich.

Alle sind interessiert daran, was du in Rojava gemacht hast. Du warst freiwillige Korrespondentin der Agentur ETHA. Vielleicht möchtest du unseren Leser:innen dazu etwas detailliertere Informationen geben. Seit wann warst du in Rojava, warum warst du dort und was hast du dort gemacht?
Ich bin 2022 in die Gebiete der Autonomen Selbstverwaltung in Rojava/Nordostsyrien gereist. Einerseits wollte ich sehen, woher die Geflüchteten kommen, mit denen ich im Rahmen meiner Arbeit als Sozialarbeiterin sowie in Fabriken zusammengearbeitet hatte, und sie besser verstehen. Andererseits war ich neugierig auf das auf einem Verständnis von Gleichberechtigung beruhende Gesellschaftsmodell der Autonomen Selbstverwaltung und wollte es unterstützen. Inmitten des Mittleren Ostens, der seit Jahrhunderten ethnischen, religiösen und konfessionellen Spaltungen ausgesetzt ist, wurde seit 2012 ein Gesellschaftsmodell aufgebaut, das alle Völker, Religionen und Konfessionen integriert. Ein Projekt, das der ganzen Welt als Vorbild dient, wenn es darum geht, Frauen im Mittelpunkt der Entscheidungsmechanismen der Gesellschaft zu positionieren. Ich hielt es für so wertvoll, eine Gesellschaft, die ein solches Projekt aufbaut, aus nächster Nähe kennen zu lernen und zu unterstützen, dass ich bereit war, sämtliche damit verbundenen Gefahren in Kauf zu nehmen. Ich wollte, dass sich die Botschaft dieses Projekts weiter in der Welt verbreitet, und wurde deshalb freiwillige Korrespondentin.

Die Perspektive, die die Sozialist:innen in den Gebieten der Autonomen Selbstverwaltung der Gesellschaft bieten, hat besonders meine Aufmerksamkeit erregt. Eine Perspektive, die darauf abzielt, gemeinsam mit dem Volk auf die eigenen Kräfte gestützt die natürlichen Ressourcen und die Produktivkräfte der Gesellschaft kollektiv zu nutzen und die Erträge dieser gemeinschaftlichen Arbeit gerecht der gesamten Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Meiner Meinung nach ist dies eine gesellschaftliche Perspektive, die über eine derartige Kraft verfügt, dass sie Hunger, Elend und Kriegen ein Ende setzen kann.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die bereit sind, wenn nötig sogar ihr Leben zu opfern zur Verteidigung derartiger, auf Gleichberechtigung abzielender Projekte und Träume gegen faschistische Vernichtungsangriffe etwa durch Schläferzellen des Islamischen Staates, der HTS oder des türkischen Staates.

Da ich das Leben dort aus nächster Nähe kennenlernen wollte, bin ich zunächst bei Familien von Migrant:innen untergekommen, mit denen ich in Deutschland zusammen gearbeitet hatte, und später dann bei Menschen, die ich in Syrien kennen gelernt hatte. Auch Ahmet habe ich in Syrien kennengelernt.

In Ahmet hatte ich ein lebendes Beispiel dafür gefunden, wie die Menschen der freien, gerechten Welt sein müssten, von der ich träume. Nach einiger Zeit beschlossen wir, unser Leben gemeinsam zu führen. Auf der Grundlage meiner beruflichen Ausbildung leistete ich auch einen Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Lebens in Stadtvierteln und Geflüchteten-Camps. Neben meiner journalistischen Tätigkeit arbeitete ich auch hier Seite an Seite mit Ahmet Polad (Mehmet Nizam Aslan) zusammen.

Beispielsweise ist Ahmet äußerst begabt im Umgang mit Kindern. Er liebt Kinder und das Organisieren von Kinderaktivitäten. Beispielsweise schuf er die Möglichkeit, dass Frauen an Kursen, die ich gegeben habe, teilnehmen konnten, indem er die Verantwortung für ihre Kinder übernahm. Zugleich trug er so zur Zurückdrängung von Frauen diskriminierenden Rollenbildern in der Gesellschaft bei, indem er anderen Männern in Sachen gleichberechtigte Teilung häuslicher Verantwortung in der Familie mit gutem Beispiel voran ging.

Zuletzt habe ich für ein Buchprojekt Dutzende Interviews geführt mit Frauen, die mehrfach innerhalb Syriens zur Flucht gezwungen worden waren, sich aber beharrlich weigern, Kurdistan und Syrien zu verlassen, und hartnäckig darauf bestehen, in ihre Heimat und in ihre Häuser zurückzukehren, und mir von ihren Erlebnissen und Träumen berichten lassen.

Zuletzt wart ihr am 18. Januar in einem Jugendzentrum in Raqqa. Wir standen mit Ahmet Polad in Kontakt. In seiner letzten Nachricht hatte er in Bezug auf die Milizen gesagt „Sie sind unten“. Dann brach die Verbindung ab. Zunächst möchte ich fragen: Was ist am 18. Januar in diesem Gebäude geschehen?
Den ganzen Tag über wurde rund um das Jugendzentrum herum von allen Seiten geschossen. Auch das Zentrum selbst wurde ins Visier genommen. Zusammen mit uns hielten sich dort auch Zivilisten:innen aus Afrin auf, die in einem nahegelegenen Viertel wohnten. Als der türkische Staat 2018 Afrin bombardierte und besetzte, hatten sie Afrin verlassen müssen und in Geflüchteten-Camps in Shehba Zuflucht gesucht. Als dann 2024 die HTS Shehba besetzte, mussten sie erneut fliehen. Sie waren auch nach Raqqa gekommen, um dort Arbeit zu finden. Am 18. Januar befanden sie sich nun ein weiteres Mal inmitten von Krieg und Zerstörung und und suchten Zuflucht in einem Raum, in dem auch wir untergebracht waren. Wir waren definitiv über 40, vielleicht sogar fast 70 Personen in dem Zentrum. Unter uns waren auch vier Kinder jünger als 12 Jahre.

Es gab Konvois von Raqqa nach Kobanê und Hesekê, aber da die Banden das Gebäude, in dem wir uns befanden, umzingelt hatten, war es unmöglich, sich diesen Konvois anzuschließen. Draußen schossen die IS-Banden auf das Gebäude, in dem wir untergekommen waren, und brüllten dabei auf den Straßen „Takbir! Allahu akbar“. Einige Leute aus dem Zentrum begannen, das Gebäude und die darin Schutz suchenden Zivilisten:innen zu verteidigen. Sie versuchten, die angreifenden Banden auf Distanz zu halten. Das ging stundenlang so. Die faschistischen Banden bombardierten das Erdgeschoss, sodass wir alle im ersten Stock Schutz suchen mussten. Auf Zivilist:innen und Kinder, die auf die Toilette wollten, prasselten Kugeln nieder.

Am Abend beschossen die Banden das Dieselkraftstoffdepot im zweiten Stock und sprengten es so in die Luft. Etwa eine Stunde lang stand der zweite Stock über uns vollständig unter Flammen. Zum Glück ist er nicht eingestürzt. Wir konnten ein Fenster im Treppenhaus öffnen und so verhindern, dass der pechschwarze Rauch der Flammen uns alle vergiftete. Es wäre unmöglich gewesen, im zweiten Stock ein Fenster zu erreichen, um es zu öffnen. Man wäre auf dem Weg verbrannt. Hätte es im Treppenhaus, also auf halber Höhe zwischen den Stockwerken, kein Fenster gegeben, dann wären wir gezwungen gewesen, zwischen dem Tod durch Rauchvergiftung und dem Erdgeschoss, das vom IS bombardiert wurde, zu wählen.

Die Menschen aus Afrin verwandelten sich nach und nach in eine angsterfüllte, stumme, graue Masse. Einmal erklang die Frage: „Naha eme bimrin?“ (dt. „Werden wir jetzt sterben?“) Und dann war wieder Stille. Mitten in der Nacht, vielleicht um 2 Uhr, erreichte uns die Nachricht, dass die Milizen draußen eine Waffe namens „DSchK“ gegen uns aufgestellt hatten. Uns wurde gesagt: „Naha dernakevin.“ (dt. „Geht jetzt nicht hinaus.“) Die Geschosse durchschlugen alle Wände. Etwa zehn Minuten lang oder sogar länger wurde das Zentrum ununterbrochen mit dieser Waffe beschossen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Die Faschisten wussten nicht, wo genau wir uns versteckt hielten.

Nach 3 Uhr trafen die offiziellen Truppen der HTS vor dem Gebäude ein. Eine Frau aus Afrin warnte alle mit den Worten: „Kesek denga xwe dernaxe!“ (dt. „Niemand gibt einen Laut von sich!“). Das waren die letzten Worte, die ich aus der Gruppe hörte.

Am Anfang der Treppe, die von unserer Etage hinunterführte, befand sich eine verschlossene Tür. Auf der anderen Seite der Tür standen die HTS-Kräfte Seite an Seite mit den Banden, die seit Stunden versucht hatten, uns zu töten, und wollten hereinkommen. Ein großgewachsener Mann der HTS rief „Abu Hamza“ und stieß dabei die Türe auf. Sie versuchten, einige der auf unserer Seite Versammelten zu packen und nach draußen zu zerren. Drinnen hielten wir uns aneinander fest, um uns zu schützen.

Ehrlich gesagt hatte ich in dieser Situation die Befürchtung, dass unsere Tätigkeit als Journalist:innen unsere Leben nicht schützen, sondern uns im Gegenteil zur Zielscheibe machen könnte. Deshalb zog ich es vor, mich auf meine Eigenschaft als Sozialarbeiterin zu berufen. Ich machte auf arabischer Sprache deutlich, dass ich im sozialen Bereich arbeitete. Die IS-Banden packten Ahmet und versuchten, ihn aus der Gruppe herauszuziehen. Ich machte deutlich, dass er mit mir zusammen arbeitet, um ihn aus den Händen der IS-Banden zu retten.

Daraufhin trennten die Leute der HTS uns beide von der Gruppe, brachten uns in einen Raum und schlossen die Türe. Ich vermute, sie wollten nicht, dass eine Europäerin, die im sozialen Bereich tätig ist, sieht, was sie im Folgenden tun würden. Als wir schließlich aus dem Raum hinaus geführt worden waren, stand niemand mehr bei der Treppe. Ahmet und mich brachten sie zu einem Auto.

Wir warteten stundenlang im Auto. Gegen Morgen gingen Ahmet und ich noch einmal ins Gebäude, um auf die Toilette zu gehen. Das Gebäude war nun leer. Auch der Raum, in dem sich die Menschen aus Afrin bis zuletzt versteckt hatten, war leer. Später erzählte mir Ahmet, dass er im Garten Menschen aus Afrin gesehen hatte und dass der Adhan (islamischer Ruf zum Gebet) gesprochen worden war. Vielleicht eine halbe Stunde später sah ich vom Auto aus, in dem wir festgehalten wurden, wie ein großer Reisebus vorfuhr.

Die Gruppe aus Afrin wurde von hinter dem Gebäude in Richtung des Busses geführt. Es waren insgesamt 14 Personen, darunter vier Kinder, die so in den Bus einstiegen. Was war mit den anderen geschehen? Akribisch zählte ich die Gruppe immer und immer wieder, bis sie im Bus verschwunden war. Sie waren zudem in einem grauenvollem Zustand. Die Menschen konnten kaum noch laufen. Das Hemd eines älteren Mannes war aufgeknöpft und der Bauch nackt. Eine ältere Frau fiel beim Gehen zu Boden. Der Mann, der zuvor beim Öffnen der Türe zur Vorstellung „Abu Hamza“ gerufen hatte, ging neben ihnen her.

Ich sagte den Männern der HTS in dem Fahrzeug, in dem wir festgehalten wurden, dass ich 14 Personen gezählt hatte, die in den Bus gestiegen waren, und fragte, wo die anderen Menschen aus Afrin seien. Doch die Männer, die zuvor sehr interessiert daran gewesen waren, sich mit uns zu unterhalten, antworteten nun mit eisigem Schweigen. Niemand sonst stieg in diesen Bus ein. Ich beobachtete die Szene ununterbrochen, bis sich die Türen schlossen und der Bus losfuhr. Ich schaute ununterbrochen zu der Ecke, von der aus die Menschen aus Afrin gekommen waren, aber es kam niemand mehr.

Später erfuhren wir aus Zeugenaussagen, dass man dich und Ahmet von der Gruppe im Gebäude getrennt und in ein anderes Fahrzeug gebracht hatte. Wohin wurdet ihr gebracht?
Die Männer der HTS sagten zu uns: „Wir sind Polizisten“ und „Wir werden euch helfen, in eure Heimatländer zurückzukehren.“ Sie brachten uns zum „Kommando für Innere Sicherheit“ in Aleppo, das dem Innenministerium unterstellt ist.

Wer waren Deine Entführer? Hast Du darüber irgendwelche Informationen? Wohin wurdest Du als Erstes gebracht, als Du entführt wurdest? Was hast Du dort erlebt? Wie und unter welchen Bedingungen wurdest Du fünf Monate lang gefangen gehalten? Was wurde Dir vorgeworfen? Wie haben sich die Leute vorgestellt, die Dich beschuldigt haben?

Dass an der Spitze der HTS-Einheit, die uns entführt hatte, der Leiter der inneren Sicherheit von Aleppo, Muhammad Abdulqani, stand, erfuhr ich erst in Deutschland, nachdem ich wieder in Freiheit war. Im Allgemeinen hatten die HTS-Männer unter sich eine Verabredung getroffen, dass sie sich alle entweder als „Muhammad“ oder als „Ahmet“ vorstellen, wenn sie nach ihrem Namen gefragt würden. Dennoch konnte ich einige Informationen über ihre Identität in Erfahrung bringen.

Beispielsweise gab es unter den Männern der HTS, die uns in Raqqa verschleppt hatten, jemanden mit sehr auffälligen Eigenschaften: Extrem hohe Stimme, wie ich sie sonst noch nie bei einem Mann gehört habe, lockige halblange Haare. Zu einem späteren Zeitpunkt stellte sich mir ein HTS-Mann als Mitarbeiter des Außenministeriums vor, der, auch wenn ich sein Gesicht nicht sehen konnte, genau die selben auffälligen Eigenschaften hatte.

Einer der Verantwortlichen, denen wir bereits am ersten Tag im Kommando für Innere Sicherheit in Aleppo begegneten, war Muhammed Schabib, ein Mitarbeiter des Büros für Presse und Öffentlichkeitsarbeit des Kommandos für Innere Sicherheit in Aleppo. Dort machte ich bereits am ersten Tag deutlich, dass ich Deutsche bin, gab meinen Namen, Geburtsdatum usw. an und forderte, mit der deutschen Botschaft in Kontakt zu treten. Es wurde mir nicht erlaubt, den Kontakt unmittelbar selbst herzustellen, deshalb verfasste ich ein Schreiben an das Deutsche Konsulat. Mir wurde versprochen, dass das Schreiben zusammen mit einem Foto von mir noch am selben Tag an die deutsche Behörde weiter geleitet würde. Als Schabib einen Monat später erneut kam, um mich zu verhören, sagte er auf meine Nachfrage hin, dass der deutsche Staat nicht geantwortet habe.

Außerdem sagte er zu mir: „Niemand hat nach dir gefragt.“

Tatsächlich hatte ich bereits in der ersten Woche im Gebäude des Kommandos für Innere Sicherheit vor meiner Zelle Leute Deutsch sprechen gehört. Zum Beispiel habe ich die Stimme eines Mannes gehört, der, als würde er telefonieren, sagte: „Michelmann war das, ne? Ja, das Problem ist, dass die keinen Passport hat.“

Ich konnte nicht wissen, wer die Personen waren, die ich auf Deutsch sprechen gehört hatte und niemand nahm Kontakt mit mir auf. Wochenlang trug ich heimlich eine Notiz bei mir, in der Hoffnung, eine Gelegenheit zu finden, diese einer Zivilistin oder einem Zivilisten übergeben zu können. Als mir in den ersten Tagen mein Stift noch nicht weggenommen worden war, schrieb ich auf ein Blatt Papier meinen Namen, mein Geburtsdatum und die Notiz: „Könnten Sie bitte diese Notiz weiterleiten und dafür sorgen, dass der deutsche Staat und die Öffentlichkeit darüber informiert werden, dass ich lebe und mich hier befinde?“ Doch ich hatte keine Gelegenheit, diese Notiz einer Zivilistin oder einem Zivilisten zu übergeben.

Es waren im Gebäude des Kommandos für Innere Sicherheit am 19. Januar von uns Auskünfte über unsere Tätigkeit verlangt worden. Ich erklärte, dass ich Sozialarbeiterin bin, und stieß damit auf misstrauische Reaktionen. Das Verständnis, auf dem derartige Reaktionen beruhen: Sie arbeitet im sozialen/gesellschaftlichen Bereich, das heißt, sie arbeitet mit der PYD zusammen, das heißt, sie ist eine Terroristin. Erst, als ich meine akademische Ausbildung beispielhaft als Ausbildung zur Fürsorgearbeit in den Bereichen Kinder- und Altenpflege beschrieb, konnte ich von meinem Beruf überzeugen. Als am Abend zwei Männer, darunter auch Mohammed Schabib, kamen, um uns zu verhören, wurde mir vor allem immer wieder die Frage gestellt: „Arbeitest du mit der QSD zusammen?“ Mit wütender, lauter Stimme wurde immer wieder verkündet: „Die QSD sind Terroristen!“

Als Schabib einen Monat später erneut zum Verhör kam, fragte ich ihn, warum ich von ihnen festgehalten werde. Er führte zur Begründung an, dass ich über keinen Reisepass verfügte, dass der deutsche Staat auf Anfragen nicht antworte, dass es draußen Menschen gäbe, die mich töten wollen. Ich machte zu all diesen Punkten Lösungsvorschläge und bot an, dass ich bei der Lösung behilflich sein könne, wenn mir mein Recht zu telefonieren gewährt werde. Daraufhin gab er zu, dass sie mich nicht nach Deutschland gehen lassen wollen, weil sie es für möglich hielten, ich könnte vielleicht mit der PKK zusammenarbeiten. Von nun an bekam ich permanent die wütende Erklärung zu hören: „Die PKK, das sind Terroristen“.

Ich erklärte, dass, falls irgendwelche rechtlichen Probleme bestehen sollten, diese auf der richtigen Grundlage gelöst werden könnten: Nach Kontaktaufnahme mit der deutschen Botschaft und mit anwaltlicher Unterstützung auf der Grundlage internationalen Rechts. Aber mit dieser Herangehensweise bin ich auf keinerlei Bereitschaft oder Offenheit gestoßen. Bei der nächsten Vernehmung im März versprachen mir andere Vertreter der HTS, dass sie mich zur Deutschen Botschaft bringen würden und ich dort die Möglichkeit haben werde, zu telefonieren. Stattdessen brachten sie mich in ein anderes Gefängnis, in dem mit Foltermethoden Verhöre durchgeführt werden, und im weiteren Verlauf dann nach Idlib.

Hast du außer der Gefangenschaft, der Isolation und dem Hunger noch andere Formen der Folter erlebt? Wie zum Beispiel körperliche Gewalt oder Folter?
Ich könnte von meinen eigenen Erfahrungen mit physischen Foltermethoden berichten, aber ich möchte mich in der Öffentlichkeit in dieser Angelegenheit nicht in den Mittelpunkt stellen.

Wie ich auch in meiner Videobotschaft betont habe, sind Folter durch Schläge mit Stöcken und Elektroschocks ganz normale Standard-Verhörmethoden in den Gefängnissen der HTS. Frauen, denen ich zu verschiedenen Zeitpunkten begegnet bin, erzählten mir von Folter, die sie erlebt hatten, und zeigten mir die Brandspuren an ihren Körpern, die durch Elektroschocks entstanden waren. Sie verbinden dir die Augen und verlangen, dass du das andere Ende eines Stocks festhältst; mit diesem Stock führen sie dich in einen Verhörraum und schlagen dich dann mit demselben Stock. Vor den Schlägen sagen sie vielleicht: „Hab keine Angst, hier ist Schlagen verboten.“ Oder während sie dich auf einem Stuhl zur Elektrofolter tragen, sagen sie dir auf Kurdisch: „Hab keine Angst, du bist für mich wie eine Schwester.“ Bevor sie dich in die Folterkammer bringen, verlangen sie möglicherweise von dir, eine Burka anzuziehen.

Ich habe Frauen kennengelernt, die mir erzählten, wie sie an den Armen aufgehängt und am ganzen Körper geschlagen worden sind, oder, wie ihnen bei der Folter durch die HTS die Beine gebrochen worden sind. Eine Frau berichtete, wie, als sie in einem Gefängnis der HTS war, während eines Bombenangriffs absichtlich die Türe ihrer Zelle nicht geöffnet worden war und sie nur durch Zufall überlebte. In einem der Foltergefängnisse traf ich auch eine Mutter, die mit ihrem Baby dort festgehalten wurde.

Gab es sexuelle Folter wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung?
In Aleppo musste ich immer in einen separaten Bereich gehen, um auf die Toilette oder ins Bad zu gehen – einen Ort, den auch die Männer der HTS nutzten. Mir wurde nicht erlaubt, die Badezimmertüre zu schließen, und wenn ich auf die Toilette ging, versammelten sich Leute vor der Türe. Ich wurde dabei beobachtetet, wie ich mich am Waschbecken wusch. Einmal verlor ich die Beherrschung und versuchte, diese Türe mit Gewalt zu schließen. Daraufhin sagte der zuständige HTS-Angehörige vor meiner Zelle: „Morgen wird diese Frau getötet.“

Einen Monat später erkämpfte ich mir das Recht, diese Türe zu schließen, und hatte somit nun endlich die Möglichkeit, duschen zu gehen. Als ich zum ersten Mal duschte, standen die für meine Bewachung zuständigen HTS-Mitglieder vor der Türe, und lachten ununterbrochen wie kleine Kinder. Ich fragte mich, ob sie vielleicht hineinsehen konnten, aber das war unmöglich. Auch im Folgenden benahmen sie sich sehr seltsam, wie Betrunkene. Normalerweise waren sie mir gegenüber immer eiskalt gewesen, jetzt sagten sie mir: „Wir sind deine Freunde.“ Dann brachten sie mir aus eigener Initiative einen Kaffee. Normalerweise taten sie so etwas nie. Nachdem ich diesen Kaffee getrunken hatte, wurde ich kurz darauf extrem müde und schlief ein. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich so geschlafen habe.

In den folgenden Tagen hörte ich, wie die Wachmänner der HTS vor meiner Zelle immer wieder darüber sprachen, etwas in meinen Kaffee zu mischen. Eines Abends hörte ich, wie jemand über Funk oder Telefon sehr konkrete Anweisungen diesbezüglich gab. „Misch das jetzt unter, dann geh gegen 4 Uhr hinein“, hieß es. Dann brachte mir der HTS-Mann, der vor meiner Zelle stand, einen Kaffee. Diesmal trank ich den Kaffee nicht. Um den Anschein zu erwecken, als hätte ich ihn getrunken, nahm ich den Kaffee mit Papiertüchern auf und warf diese in den Müll. Tatsächlich kam der HTS-Mann gegen 4 Uhr in meine Zelle, während ich im Bett lag. Ich machte eine reflexartige Bewegung, er war überrascht und ging wieder hinaus. Draußen sagte er ins Telefon oder Funkgerät: „Sie schläft nicht, sie ist stark.“ Die Stimme auf der anderen Seite fragte: „Hat sie den Kaffee wirklich getrunken?“

Gab es unter denen, die dich gefoltert und unter Druck gesetzt haben, auch weibliche HTS-Mitglieder?
In den Foltergefängnissen und Militärkrankenhäusern gab es Frauen, die die Anweisungen der Männer ausführten. Im Wesentlichen habe ich sie in der Funktion angetroffen, Kleidung zu durchsuchen und dabei zu mitzuhelfen, Gefangene festzuhalten, damit sie sich nicht bewegen können.

Erinnerst du dich, in welchen Städten und in welchen Gefängnissen du fünf Monate lang festgehalten wurdest?
Ich wurde an insgesamt sechs verschiedenen Orten festgehalten. An zwei verschiedenen Orten in Aleppo, an einem Ort in Idlib und an drei verschiedenen Orten in Damaskus. In dem ersten Gefängnis, in das ich in Damaskus gebracht wurde, befanden sich hauptsächlich Alawitinnen. Wir waren 15 Frauen auf etwa 16 Quadratmetern. In diesen 16 Quadratmetern war auch die Toilette inbegriffen, welche wir zugleich als Dusche benutzten. An einem anderen Ort gab es keine Betten und der Boden war gefliest. Auch dort war es extrem überfüllt. An meinem letzten Aufenthaltsort waren Frauen aus dem Irak, Usbekistan, Somalia und Äthiopien. Es gab dort sehr viele Kinder und Babys. Die irakischen und usbekischen Frauen warteten darauf, eine Aufenthaltsgenehmigung oder einen syrischen Ausweis zu erhalten.

Kannst du von deinem ersten Gespräch mit Vertreter:innen der deutschen Botschaft in Syrien berichten? Wann kamen sie? Wer war dabei, was haben sie zu dir gesagt, was haben sie gefragt? Wie war die Atmosphäre bei dem Gespräch? Wie oft haben dich Vertreter:innen der deutschen Botschaft besucht? Welche Gefühle haben diese Besuche bei dir ausgelöst? Was haben sie dir bei den Besuchen gesagt?
Soweit ich mich erinnern kann, haben mich Vertreter:innen der deutschen Botschaft insgesamt viermal besucht. Das erste Mal war gegen Ende April. Bis zu diesem Tag war ich völlig von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Ich wurde in ein Hotel gebracht. Die Männer der HTS hatten mir vorher nicht gesagt, wohin wir fahren würden; sie sagten mir, sie würden mich zu meiner Familie bringen. Derartiges hatten sie zuvor schon öfter gesagt und mich dann stattdessen in ein anderes Gefängnis gebracht. Die Frau, die als Vertreterin der deutschen Botschaft kam, erzählte mir von ihren Bemühungen, mich zu finden. Sie schickte die Leute der HTS hinaus und versuchte, ein Vertrauensklima zu schaffen. Sie sagte, sie wolle am nächsten Tag wiederkommen. Nach dem Gespräch brachten mich die HTS-Männer wieder in dieselbe Zelle. Ich wurde erneut in Isolationshaft gehalten, wochenlang kam niemand zu Besuch.

Im Mai besuchte mich der deutsche Botschafter in Syrien dreimal hintereinander. Ich wurde aus der Zelle geholt, und wir trafen uns in einem Büro des Gefängnisses. Er erklärte mir, dass sie mich nach Deutschland bringen wollten. Er brachte Ärzte mit, um zu überprüfen, ob mein Gesundheitszustand für die Reise geeignet war. Er schickte alle übrigen Anwesenden aus dem Raum, um mit mir alleine sprechen zu können und so eine Vertrauensatmosphäre zu schaffen. Er erklärte mir, dass ich mich sicher fühlen und offen sprechen könne. Er bemühte sich, meinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Bei unserem letzten Treffen ermöglichte er mir vermittels Videoanruf von Angesicht zu Angesicht mit meiner Familie zu sprechen. Er hat sich wirklich sehr viel Mühe gegeben, mich zu beruhigen und sicherzustellen, dass alles reibungslos ablief, bis ich in Deutschland angekommen war. Dafür möchte ich mich noch einmal von Herzen bedanken.

Ich nehme an, dass du nach deiner Freilassung von der Kampagne erfahren hast, die für dich und Ahmet geführt wurde. Würdest du uns deine Gedanken und Gefühle zu dieser Kampagne mitteilen?
Es hat mich sehr glücklich gemacht, zu sehen, dass sich auf Grund unserer Situation auf internationaler Ebene tausende Menschen für das Recht auf freien Journalismus und

Menschenrechte in Syrien eingesetzt haben. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass in diesem Kontext der Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die das HTS-Regime begeht, deutlich an Stärke gewonnen hat. Ich hoffe, dass auch andere Menschen in Syrien, die in Gefängnissen und auf den Straßen permanent dem Terror der HTS ausgesetzt sind, von diesem öffentlichen Druck profitieren können. Und natürlich wünsche ich mir sehr, dass wir auf diesem Wege auch Ahmet retten und ihm seine Freiheit zurückgeben können.

Du bist unter uns, und jetzt geht es darum, Ahmet seine Freiheit zu sichern. Möchtest du dazu etwas sagen?
Wir müssen uns bewusst sein, dass Ahmet, da er ein kurdischer Journalist ist, noch stärker im Fokus hasserfüllter Angriffe der HTS-Anhänger stehen wird als ich. Wir müssen davon ausgehen, dass er ein Vielfaches von dem durchmacht, was ich in den Gefängnissen der HTS erleben musste.

Zeugenaussagen zufolge ist er, wie ich, Isolationsfolter ausgesetzt und hat außerdem Verletzungen am Bauch und an der Hand erlitten. Als ich Ahmet das letzte mal sah, bevor wir im Gebäude des Kommandos für Innere Sicherheit in Aleppo voneinander getrennt wurden, war er unverletzt. Bevor wir getrennt wurden, hatte Ahmet mir gesagt, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechne, getötet zu werden, weil er ein kurdischer Journalist ist. Bei Verhören wurde mir in Bezug auf Ahmet gesagt: „Er ist ein Terrorist, er wird in der Türkei hingerichtet werden.“ Insbesondere wenn der öffentliche Druck nun nachlassen sollte, müssen wir davon ausgehen, dass er in Lebensgefahr schwebt.

Ich möchte die verantwortlichen Vertreter:innen der BRD, die das HTS-Regime mit Millionen Euro unterstützen und glauben, die aus Al-Nusra hervorgegangene islam-faschistische HTS nun auf einen demokratischen Weg lenken zu können, dazu aufrufen, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Ahmet zu retten. Die Bundesrepublik Deutschland kann dem sich in Lebensgefahr befindenden kurdischen Journalisten Ahmet Polad humanitären Schutz gewähren. Sie sollte diese Möglichkeit nutzen.

Möchtest du abschließend noch etwas sagen?
Die Kampagne, die für meine und Ahmets Befreiung geführt worden ist, hat es geschafft, die Öffentlichkeit stärker für die in Syrien begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sensibilisieren. An meinem Beispiel ist deutlich geworden, dass es auf diesem Wege möglich ist, Menschenleben zu retten. Auch die Türkei sollte im Fokus dieser öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, als einer der Hauptverantwortlichen für die in Syrien verübten Massaker und Verbrechen sowie als Lehrmeister der HTS.

Zudem spielen Menschenrechtsverstöße auch eine zentrale Rolle innerhalb der türkischen Innenpolitik. Stimmen der Kritik gegen die Regierung werden gewaltsam unterdrückt. Folter ist in türkischen Gefängnissen alltäglich. Beispielsweise wurden die Berlinerin Alma (18) und Lorena (24), die sich im Januar diesen Jahres über die Türkei auf den Weg gemacht hatten, um Rojava zu unterstützen, von öffentlichen Verantwortungsträgern in Istanbul mit Vergewaltigung und Tod bedroht, bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt und sexuell gefoltert.

Auch diese Beispiele zeigen, dass Ahmet nicht in die Türkei, deren Staatsbürger er ist, abgeschoben werden darf. Der deutsche Staat muss alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Ahmet zu schützen.

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